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DAS FACHMAGAZIN FÜR BIOENERGIE UND -ÖKONOMIE Samstag, 23.06.2018

chinaschilf_haus_grGeduld wurde mit Erfolg belohnt

Chinaschilf kann sowohl energetisch als auch stofflich verwertet werden. Für Landwirte im Nebenerwerb sind die Halme interessant, da nur wenig Arbeitsaufwand erforderlich ist.
Ein Beispiel aus dem Schwarzwald zeigt, daß Geduld und Nerven trotzdem nötig waren.

Die Menschheit verlangt nach Energie. Zur westlichen Welt kamen in den vergangenen Jahren raschwachsende Industrienationen wie Indien und China, die einen enormen Bedarf an Mineralöl haben. Die Nachfrage treibt den Preis. „Weg vom Mineralöltropf“ lautet deshalb eine Parole. Noch tut man sich schwer, vom komfortablen Öl wegzukommen. Derweil wartet der Markt auf Biomasse. Um neue Wege zu gehen, braucht es Leute mit Risikobereitschaft. Im Kinzigtal (Schwarzwald) lebt Markus Schilli, der seit mehr als zwölf Jahren Chinaschilf (Miscanthus) anpflanzt. Der gelernte Feinmechaniker schrieb damit nicht immer schwarze Zahlen: „Wenn Sie eine Erfolgsstory suchen, dann sind Sie bei mir falsch!“ Das macht seine Geschichte aber nicht weniger interessant.

Am Anfang stand der Frust

Schilli sollte den Hof seiner Eltern in Zell am Harmersbach übernehmen. Dabei galt es, den Vollerwerbsbetrieb im Nebenerwerb weiterzuführen. Der Generationswechsel im landwirtschaftlichen Kleinbetrieb war ein willkommener Anlaß für eine Bestandsaufnahme. Derzeit werden auf 2,5 Hektar Getreide und acht Hektar Mais  angebaut. Ferner gehören sechs Hektar Mischwald zum Hof. Zum Chinaschilf gelangte Schilli über einen Fachbeitrag in der Hauszeitschrift des Maschinenrings Ortenaukreis. Gemeinsam mit anderen interessierten Landwirten besuchte er einen Informationsabend des Maschinenringes. Dort wurde für den Miscanthusanbau geworben. Der Maschinenring hatte Kontakt zu einem Schweizer Großabnehmer, der Verpackungsboxen, CD-Hüllen und Blumentöpfe aus Miscanthus herstellt (s. Beitrag in ep 3/2007). Eine Betriebsbesichtigung folgte und schließlich waren fünf Landwirte überzeugt und schlossen einen Abnahmevertrag mit dem Maschinenring. Dieser besorgte auch die Setzlinge und baute die Vertriebsstrukturen auf. Doch es kam anders als gedacht. Bei der industriellen Weiterverarbeitung traten angeblich technische Probleme auf. Die Abnahmegarantien konnten schon im ersten Erntejahr nicht eingehalten werden. Überschüssige Ware wurde eingelagert. Im zweiten Jahr häckselten die Landwirte ihre Ernte und mußten sie ebenfalls einlagern. 2001 kündigte der Maschinenring schließlich den Vertrag. Die Stimmung der Erzeuger war am Boden.

Erfolg als Einstreu im Stall

chinaschilf_schilli_grIn der Not verwendete einer der Landwirte das gehäckselte Material als Pferdeeinstreu. Das Ergebnis war verblüffend: Die Einstreu ist sehr saugfähig und wirkt geruchsbindend. Die gute Handhabbarkeit sparte zudem Zeit bei der Stallarbeit. Die verbesserte Hygiene trug zu einem guten Stallklima bei. Als weiterer Vorteil kann die benutzte Einstreu als Dünger verwendet werden. Das Häckselgut aus Chinaschilf übertraf vergleichbare Holzerzeugnisse bei weitem. Man stellte die Ware 1997 bei der Equitana vor, einer internationalen Pferdemesse in Hannover. Ein norddeutscher Geschäftsmann testete das Produkt drei Monate lang und war so überzeugt, daß er eine Lastzugladung pro Woche bestellte. Begeisterung machte sich breit. Markus Schilli konstruierte eine Presse und konnte so das Schilf als gepreßte Ballen versenden.
Aber wieder zogen Gewitterwolken auf: Aus nicht nachvollziehbaren Gründen wurde bei den Landwirtschaftministerien in Stuttgart und Bonn sowie bei der EU-Kommission in Brüssel die Frage diskutiert, ob Chinaschilf auf Stillegungsflächen angebaut werden darf. Schließlich könne nicht ausgeschlossen werden, daß das Häckselgut im Pferdestall in die Nahrungskette gelangt, da Pferde mitunter ihre Einstreu fressen. Die Frage wurde zum Nachteil der Landwirte entschieden. Erneut machte sich Frust breit. Markus Schilli nahm die Anbaufläche aus der Stilllegung heraus, was zu einer Schmälerung des Betriebsergebnisses führte. Zwischenzeitlich verwarfen Ministerium und EU-Kommission ihre Entscheidung wieder  und ab 2009 soll die Flächenstillegung ganz abgeschafft werden. Der Anbau wurde extensiv fortgeführt. Als neuer Abnehmer diente eine Handelskette für Tiernahrung. Der Hektarertrag lag bei 15 Tonnen Trockenmasse bei mäßiger Düngung. Mit Düngung sind 25 Tonnen zu erreichen. Im Trockenjahr 2003 lag die Ernte bei zwölf Tonnen pro Hektar. Eine weitere Wende kam mit der gestiegenen Nachfrage im Jahr 2007: Ein Aufkäufer aus Horb zeigte Interesse und kauft seitdem alles, was an Miscanthus in der Region angeboten wird. Die mageren Jahre waren zu Ende und die Geduld hatte sich gelohnt.

Arbeiten übers Jahr

Angefangen hat alles im Mai 1996: Damals bauten fünf Zeller Landwirte auf insgesamt 2,5 Hektar Chinaschilf an. Teilweise wurden Stillegungsflächen genutzt. Alleine für die Setzlinge investierten sie  8.000 Mark pro Hektar. Zum Pflanzen wurde die Topfsetzmaschine einer Gärtnerei ausgeliehen. Auf den Einsatz von Herbiziden verzichtete man, zumal keine Erkenntnisse über die Resistenz der Jungpflanzen vorhanden waren. Aber mechanisches Unkrauthacken war angesagt. Im zweiten Jahr war der Unkrautdruck ausgestanden. Die Jugendzeit der Pflanzen beträgt ein Jahr. Im Folgejahr der Pflanzung kann erstmalig geerntet werden. Der maximale Ertrag wird nach drei bis vier Jahren erzielt. Die Pflanzen mögen es naß, vertragen jedoch keine Staunässe. Auf dem schweren, lehmigen Boden wächst das Miscanthus bis zu vier Meter hoch. Geerntet wird je nach Witterung in der Zeit von Februar bis April. In der Vergangenheit kam eine Großpackenpresse zum Einsatz. In Zukunft soll ein selbstfahrender Häcksler die Ernte übernehmen. Seit 2007 werden Ernte und Logistik vom Aufkäufer aus Horb organisiert. Das Chinaschilf wird teils pelletiert, teils in einer Anlage nahe Stuttgart verbrannt. Experten rieten 2007, nicht nur Kraut und Stengel, sondern auch Rhizome zur Bepflanzung neuer Flächen zu ernten. Die Nachfrage am Markt ist groß. Nach der Ernte wird sofort mit NPK-Volldünger gedüngt. Im Herbst fallen die Blätter ab und bilden eine Mulchschicht. So bleiben die Nährstoffe trotz Ernte vor Ort und gleichzeitig wird der Boden vor Erosion geschützt. Markus Schilli spricht von einer guten Humusbilanz. Schädlings- oder Pilzbefall sind kein Thema. Beim Schilfanbau ist kein Pflanzenschutz nötig. Das Angebot an Arbeitsmaschinen ist allerdings auf den Miscanthusanbau noch nicht optimal ausgerichtet.

Interessant im Nebenerwerb

Der Feinmechaniker Schilli hat als Neben-erwerbslandwirt nur begrenzt Zeit zur Verfügung. Für den Miscanthusanbau sprechen deshalb der geringe Zeitaufwand und Maschinenbedarf: 50 Minuten pro Hektar und Jahr müssen einkalkuliert werden, ein Schlepper mit Düngerstreuer wird benötigt. Markus Schilli erläutert: „Im Vergleich zum Anbau von Marktfrüchten ist der Hektarertrag gering. Chinaschilfanbau ist aber interessant im Nebenerwerb und im flächenstarken Ausland.“ Mit der aktuellen Marktentwicklung ist er äußerst zufrieden und kann sich deshalb vorstellen, seine Anbauflächen für Chinaschilf zu erweitern.

Weitere Infos, Käufer und Anbauer:
www.miscanthus.de

Manfred W. Oestreich





Wer immer gut informiert sein will, muß die Zeitschrift energie aus pflanzen lesen.
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