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DAS FACHMAGAZIN FÜR BIOENERGIE UND -ÖKONOMIE Mittwoch, 20.06.2018

05_11_suedchemie_grSüd-Chemie baut in Straubing Demonstrations-Anlage zur Ethanolerzeugung aus Stroh

Noch in diesem Jahr soll „Deutschlands größte Demonstrationsanlage für Zellulose-Ethanol aus Agrarreststoffen“ in Betrieb gehen. Mit seinem Verfahren namens „Sunliquid“ will der Betreiber Süd-Chemie ab Jahresbeginn 2012 in Straubing aus gut 4.000 Tonnen Stroh 1.000 Tonnen als Treibstoff nutzbaren Alkohol gewinnen. An den Projektkosten von 28 Millionen Euro beteiligen sich Bund und Land mit zusammen fünf Millionen, war bei einer Feierstunde Ende Juli zu erfahren.

Und schon für das Jahr 2013 sei im nächsten Schritt geplant, Fabriken für die Serienproduktion in der Größenordnung von 50.000 bis 150.000 Tonnen Strohethanol pro Anlage und Jahr in Betrieb zu nehmen, so Markus Rarbach, Leiter des Bereichs „Biokatalyse“ der Süd-Chemie AG aus München und anscheinend der geistige Vater der Fabrik. Die Verbreitung sei auch mittels „Auslizensierung dieser Technik“ geplant.

Süd-Chemie nutzt am Standort Straubing die Nähe zum „Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe“, in dem das bayerische Bioenergie-Forschungs-Know-how von Carmen e.V. und Wissenschaftszentrum zusammengezogen sind. Die Lokalpolitik hat sich mächtig ins Zeug gelegt, die moderne Fabrik nach Straubing zu holen. So weiß Oberbürgermeister Markus Pannermayr, daß der Investor „zwei Jahre lang Standort-Angebote aus der ganzen Welt bekommen“ habe. Ob letztendlich „das persönliche Engagement von Ministerpräsident Horst Seehofer“, so die Formulierung von Pannermayr, zur Standortwahl Niederbayern geführt hat, war nicht zu erfahren. Doch nun erhofft sich Landrat Alfred Reisinger eine „Signalwirkung zur Ansiedlung relevanter Firmen“, insbesondere aus dem Agrarsektor, auf dem gemeinsamen Gewerbegebiet von Stadt und Landkreis, „Biocubator“ genannt.

Bayerns Wirtschafts- und Verkehrsminister Martin Zeil ließ es sich als Vize-Ministerpräsident nicht nehmen, bei der kombinierten Doppelfeier aus „erstem Spatenstich“ und Grundsteinlegung dabeizusein. „Hier wird Stroh in das Schwarze Gold des industriellen Zeitalters verwandelt“, nahm er eine Anleihe beim Stroh-Zu-Gold-Spinn-Märchen „Rumpelstilzchen“ der Gebrüder Grimm. Dieses Zitat hatte Zeil aber nicht allein herangezogen. Auch Süd-Chemie-Vorstandschef Günter von Au sowie André Koltermann, Leiter der strategischen Forschung und Entwicklung des Konzerns, bemühten das Märchen. Und so wie das Strohgold nicht hätte importiert werden müssen, sei eben auch „Zellulose-Ethanol eine zusätzliche heimische Energiequelle, die bislang noch gar nicht erschlossen ist“, stellten beide Manager den Charme des Pflanzenalkohols heraus.

Labortestes seit fünf Jahren

Im Labormaßstab experimentiert der Chemiekonzern bereits seit fünf Jahren am Hauptsitz München mit Strohethanol, so Rarbach. Das Süd-Chemie-Verfahren setzt neben Zellulose auch die sogenannten Hemizellulosen der Pflanze zu Ethanol um, was 50 Prozent mehr Ethanolausbeute als „herkömmliche Technologien“ bringen soll. Die erste, wesentlich kleinere Pilotanlage mit einer Kapazität von weniger als zwei Tonnen Zellulose-Ethanol pro Jahr, läuft in München seit zwei Jahren. „Die Entscheidung für den Bau der Demonstrationsanlage in Straubing zeigt den hohen Reifegrad der Sunliquid-Technik“, heißt es aus der Konzernzentrale. Doch Süd-Chemie ist nicht allein am Forschungsmarkt tätig: Parallel zu Straubing entsteht momentan eine zu 40 Prozent öffentlich geförderte Anlage ähnlichen Ausmaßes am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Kosten dort: 60 Millionen Euro. Die Inbetriebnahme für diese „Bioliq“-Fabrik ist für das Jahr 2013 geplant. Und auch im Ausland wird die Sprit-aus-Stroh-Technik vorangetrieben. „In Dänemark entsteht eine Anlage in ähnlicher Größenordnung“, weiß der Straubinger Projektchef Markus Rarbach.

Energiewende beschleunigt Tempo

Doch Süd-Chemie drückt beim Zeitplan heftig aufs Gas: Selbst als im Vordergrund der offizielle „erste Spatenstich“ ablief, stand im Hintergrund die Baustelle nicht still, wurde betoniert und wurden Stahlträger montiert. Denn ein Problem wird immer deutlicher: Es müsse schnell gehen mit der Energiewende. Weshalb die Staatsregierung sogar an „Bioenergie-Vorbehaltsgebiete“ denkt, wie Minister Martin Zeil in seinem Grußwort erklärte. Als Gastgeschenk hatte er eine Zusage dabei: „Die begleitende Forschung wird mit fünf Millionen Euro vom Freistaat gefördert. Bayern kann sich das leisten“, brüstete sich der Minister. Doch das Geld sei „kein Blankoscheck, sondern soll konkrete Prozesse voranbringen.“ Die sind bei Bioenergie auch nötig. Bekanntlich gibt es vielerorts Proteste, weil immer mehr auch als Lebensmittel nutzbare Rohstoffe wie Getreide, Zucker oder Mais zu Biogas oder -treibstoff vergoren werden, während anderswo auf der Welt Menschen hungern. Deshalb seien „Biotreibstoffe der 2. Generation“ so wichtig, meinen nicht nur Süd-Chemie-Manager. „Es wird langfristig keine Energie aus Lebensmitteln mehr geben. Das Thema ist gegessen“, bekräftigte Vorstand von Au.

35 Kilometer Einsammelradius

Glaubt man dem Unternehmen, dann kommt ein derzeit üblicher Mittelklassewagen im Schnitt mit etwa acht Litern Ethanol pro hundert Kilometer aus, was wegen des geringeren Brennwerts einem Benzinverbrauch von etwa sechs Litern je hundert Kilometer entspricht. Bei Sunliquid reicht deshalb ein Hektar Ackerfläche, um ein Auto 15.000 Kilometer pro Jahr mit Biosprit fahren zu lassen: „Aus vier bis fünf Tonnen Stroh kann eine Tonne – oder 1.200 Liter – Ethanol gewonnen werden“, so Süd-Chemie. Das Verfahren sei „einer Brauerei ähnlich: Wir gewinnen Zucker biokatalytisch aus dem Halm“, faßt André Koltermann zusammen. Für die künftig geplanten Sunliquid-Fabriken, die jeweils 50.000 Tonnen Strohethanol pro Jahr herstellen sollen, werden „etwa 227.000 Tonnen Stroh gebraucht. Bei einer Flächennutzung von zehn Prozent ergibt sich eine benötigte Fläche von etwa 4.700 Quadratkilometern oder ein Einsammelradius des Strohs von gut 35 Kilometern. Hiermit kann eine Flotte von 62.500 Fahrzeugen bei durchschnittlicher Laufleistung mit einer nahezu Null-Emission des Klimagases Kohlendioxid in der Gesamtbilanz betrieben werden. Und das ohne zusätzliche Investitionen in neue Infrastrukturen“, verkündet Süd-Chemie bereits jetzt. Zum Vergleich: Genauso viele erdgasbetriebene Fahrzeuge sollen zurzeit durch Deutschland fahren. Dennoch kamen bei der Strohethanol-Feier auch kritische Töne auf, wenn auch nur leise. Doch die streute ausgerechnet Wirtschaftsminister Zeil: „Die wahren Herausforderungen, vor allem die Energiewende in den Köpfen der Menschen, müssen wir erst noch bewirken.“

www.sued-chemie.com

Heinz Wraneschitz

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5 / 2011 energie pflanzen erschienen.


LESERBRIEF

Johannes Rabe ist in Schleswig-Holstein ansässig und vertreibt Strohballensammelwagen. Diese werden immer wieder von Unternehmen nachgefragt, die Stroh energetisch nutzen wollen.

Was für eine Freude, daß Bayern in nachwachsende Rohstoffe mitinvestiert. Grundsätzlich ist es sehr begrüßenswert, wenn neue Technologien gefördert werden – sogar wenn es 40 Prozent verlorener Zuschuß sind wie im Beispiel des Standorts Straubing der Süd-Chemie. Warum der Zuschuß verloren ist? In Freiberg/Sachsen steht ein ähnliches Werk (der Choren Industries GmbH zur Herstellung von BtL-Kraftstoffen, Anm. d. Redaktion) und läuft trotz vieler Millionen immer noch nicht, auch mit Holz nicht! In Emmlichheim (Strohkraftwerk, an dem unter anderem die Emsland-Stärke GmbH beteiligt ist, Anm. d. Red.) auch nicht! Es ist eine Sache, das Problem im Labor zu lösen, eine andere ist der Bau einer Fabrik. Was aber nirgends funktionieren kann, ist, wenn der Rohstoff in der Kalkulation zu billig angesetzt wird und niemand zu diesem Preis liefert.
Vor vier Jahren hat die kanadische Firma IOGEN (die ein Verfahren zur Herstellung von Ethanol aus Zellulose entwickelte, Anm. d. Red.) den ganzen östlichen Teil des Vaterlandes verrückt gemacht und nichts lief! Das gleiche Spiel. Alle Politiker sind bereit, alles zu unterstützen, aber den Rohstoff liefert niemand. Damals bekamen die Landwirte ein Angebot von 50 Euro je Tonne frei Fabrik. Das hört sich auf den ersten Blick gut an, wird aber von den Kosten weitgehend aufgefressen und geht nur, wenn man sagt: Stroh ist sowieso da und hat keinen Wert. Hier beginnt der sehr große Denkfehler, den die Landwirte zunehmend erkennen. Aber die Industrie sucht immer noch einen Dummen und findet ihn zum Teil auch. Doch Stroh hat einen Wert!!! Zum einen durch die enthaltenen Nährstoffe, die dem Boden nicht entzogen werden sollten, zum anderen durch den Humus, der – erst Rohhumus und dann Nährhumus – pro Kilogramm vier Kilogramm Wasser speichern kann. Diese Fähigkeit macht Stroh zu etwas Besonderem, weil es die Elastizität des Bodens bei Regen und Trockenheit sehr fördert. Stroh für Sonderkulturen, Pferde und mehr wird zudem mit 90 bis 320 Euro je Tonne gehandelt.
Jetzt gibt es ein weiteres Beispiel: In Serbien versucht man, Landwirten das Bergen von Maisstroh schmackhaft zu machen. Um dieses Stroh dann in pelletierter Form mit Binnenschiffen nach Duisburg zu bringen und dort zu verbrennen. In dem Balkanstaat haben die Menschen nach einer ersten Euphorie realisiert, daß sie für einen Euro, den sie bekommen, einen Wert von drei Euro abgeben, da sie die wertvollen Eigenschaften des Strohs weggeben. Außerdem gehen durch die Strohbergung wertvolle Feldarbeitstage verloren, was zu teils erheblichen Verlusten bei den Folgekulturen führen kann. Das wird also auch nur begrenzt laufen.
Es würde schon Sinn machen, wenn wir Stroh als Energieträger nutzen, uns an Dänemark orientieren und dann Ein- bis Fünf-Megawatt-Heizkraftwerke dezentral bauen. Nur dafür müßte Stroh in den Gesetzen zum Emissionsschutz genau wie Holz behandelt werden und nicht teils schlechter.

Johannes Rabe, Reussenkög







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