- Anzeige -
- Anzeige -
FORSTFACHVERLAG GMBH & CO. KG · MOORHOFWEG 11 · 27383 SCHEEßEL · info@forstfachverlag.de · www.forstfachverlag.de · ✆ +49 (0) 4263 / 9395-0
energie pflanzen
DAS FACHMAGAZIN FÜR BIOENERGIE UND -ÖKONOMIE Samstag, 23.06.2018

jatropha_pflanze_grLet’s go tuba tuba

Kraftstoff aus Jatropha könnte Schwellenländern helfen, ihre Erdölimporte zu verringern. Mit mobiler, angepaßter Technik aus Deutschland wird die Biokraftstoffproduktion auch für Kleinbauern und Kooperativen machbar.

Im Sommer 2008 war Holland in Not – nein, nicht Holland, sondern die Philippinen und andere Schwellenländer ohne eigene Erdölvorkommen. Der Ölpreis war damals zeitweise auf 145 Dollar pro Barrel gestiegen. Angesichts der dramatischen Situation entschloß sich das Land zu einem „Renewable Act“ mit dem Ziel, die eigenen Rohstoffreserven, nämlich nachwachsende Rohstoffe, für die Versorgung des Landes mit Kraftstoffen nutzbar zu machen. Ein Problem, für das Klaus Dieter Thoma, Geschäftsführer des Unternehmens Biofueltechnics aus Berlin, eine Lösung hatte.

jatropha_thoma_grSein Geschäftsmodell umschreibt Thoma mit Projektierung, Konstruktion und Vertrieb von Raffinerietechnik zur Biodieselerzeugung für Entwicklungs- und Schwellenländer. Hierzu beschäftigt der Berliner Unternehmer zwölf Mitarbeiter. Bereits 2003 gründete Thoma das Unternehmen in Luxemburg. Dieses Land ist eine Steueroase für Transportunternehmer in Europa und daher Heimat der Speditionselite. Die Dieselpreise sind in Luxemburg trotz EU-Harmonisierung 15 bis 20 Prozent günstiger als im übrigen Europa. Dennoch sah Thoma hier einen Markt für Biodiesel und hatte dabei die Nähe zu den Heavy Duty Trucks der Großflottenbetreiber im Visier.
In seiner Gründungsphase vor knapp zehn Jahren projektierte das Unternehmen Anlagen zur Herstellung von Kraftstoff auf Rapsbasis. Biokraftstoff war damals günstiger als der fossile Treibstoff und damit für Transportunternehmer attraktiv. Doch machten schlechte Kraftstoffqualitäten den Spediteuren zu schaffen. Das motivierte den Unternehmer Thoma, eine mobile Bioraffinerie auf Basis eines 40-Fuß-Containers zu bauen. „Wir sagten dem Transportunternehmer: Hiermit ermöglichen Sie sich Ihre eigene Ölversorgung; Sie können eingekauften Raps selbst zu Biodiesel aufbereiten.“ 

Starke Kursschwankungen für europäische Ölsaaten an den Rohstoffbörsen führten dann aber zu extremen Preissprüngen. Raps als Kraftstoffbasis war damit für Entscheider in Europa schwer kalkulierbar und teilweise nicht mehr wettbewerbsfähig im Vergleich zum fossilen Diesel. Thoma suchte nun für seine Technik eine alternative Anwendung und fand sie in Südostasien. „Mit weltumspannenden Geschäften zum Beispiel in China habe ich schon seit 2001 Erfahrung,“ so der Geschäftsführer, der zuvor in der Logistikbranche in leitenden Positionen aktiv war.

Doch in den Ländern Südostasiens wächst kein Raps, sondern unter anderem Jatropha curcas. In spanisch orientierten Ländern wird die Ölpflanze Tuba Tuba genannt, was in der deutschen Übersetzung Hecke heißt. So verwenden auch die Farmer auf den Philippinen die Pflanze, die ursprünglich aus Madagaskar stammt, als Schutzhecke, um unerwünschte Eindringlinge von ihren Plantagen fernzuhalten. Wenn Tiere die giftigen Früchte einmal probieren, nehmen sie schnell wieder Abstand. Jatropha ist ein immergrüner Strauch oder Baum, der auf ertragsschwachen Böden und an Hanglagen angebaut wird. Durch diese Eigenschaft entgehe die Energiepflanze der oft oberflächlich geführten Teller-Tank-Diskussion, so Thoma. Brachflächen können mit der Ölpflanze sinnvoll genutzt werden. Für die Verbreitung in Asien, Südamerika und Afrika sorgten die Spanier.
Die Pflanze ist ein effektiver Ölproduzent und kann damit als Biodiesellieferant dienen. Pro Hektar können auf den Philippinen zwischen vier und fünf Tonnen Jatrophafrüchte pro Jahr geerntet werden. Diese können, je nach Lage und Bewirtschaftung, einen Ölgehalt von bis zu 40 Prozent erreichen.

Bisher Mangel an Kapazität und Abnehmern

jatropha_biodiesel_gr„Bisher wird Jatropha nicht als Energiepflanze genutzt, weil zum einen ungenügende Raffineriekapazitäten und zum anderen die Abnehmer fehlen“, erklärt Thoma auf die Frage nach dem aktuellen Stand der Umsetzung. „Das ist wie die Huhn-und-Ei-Diskussion“, fährt er fort. Für die Investition in eine zentrale Produktionsanlage fehlt in dem Schwellenland das nötige Kapital. Raffinations-Anlagen benötigen oft Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe, in Euro umgerechnt. Hier sieht der Unternehmer die Chance für sein Konzept: „Wir setzen die Raffinationstechnik auf einen Truck, machen sie so mobil und können damit den Kooperativen beziehungsweise Bauernverbänden des Landes die Technik vor Ort zur Verfügung stellen.“
Der Standort des Trucks kann jederzeit durch Satellitenkommunikation erfaßt werden. Auf dem Truck befinden sich zwei 20-Fuß-Container mit Preß- und Raffinerieausrüstung, die ein Zwei-Mann-Team bedienen kann. Zweimal pro Jahr werden die Jatropha-Bauern besucht und produzieren vor Ort Biodiesel aus den geernteten Früchten.

Dieses Konzept der dezentralen Verarbeitung garantiert zudem eine hohe Auslastung und trägt zum kostengünstigen Betrieb bei. „Die Anlage muß wirtschaftlich betrieben werden, das heißt, sie muß 180 bis 200 Tage im Jahr eingesetzt werden. Nur so kann eine bezahlbare Tagesmiete realisiert werden“, sagt Thoma. Der Nutzer zahlt zwar die Mietkosten pro Tag, muß aber weder investieren, noch sich in Abhängigkeit begeben; der Farmer oder die Genossenschaft kann eigene Rohstoffe in Energie umwandeln und erhält auf diese Weise einen Mehrwert. Damit ist das Konzept auch auf die finanziellen Mittel der südostasiatischen Kleinbauern und deren Flächenstruktur abgestimmt. Daneben sieht Thoma Vorteile in der Kohlendioxidbilanz, da der Logistikaufwand durch den Wegfall von Beschaffung und Verteilung verringert wird.

Westeuropäer werden kritisch betrachtet

„Die Menschen haben eine eigene Mentalität, es sind nicht Landwirte wie in Deutschland. Wir sind Westeuropäer, man wird uns immer kritisch betrachten“, berichtet Thoma von den Erfahrungen seiner Geschäftsreisen. Ein typischer Farmer bewirtschaftet eine Fläche von ein bis zwei Hektar. Seine Agrarfläche hat er oft von einem Großgrundbesitzer gepachtet, der auch Produktabnehmer ist. Die Kleinbauern schließen sich teilweise zu Kooperativen zusammen, um günstigere Einkaufsbedingungen auszuhandeln. Eine Kooperative besteht aus 20 bis 50 Kleinbauern.
Das Einkommen eines Farmers liegt derzeit bei 100 bis 200 Dollar pro Monat. Mit dem Ertrag seiner Arbeit ernährt er eine im Durchschnitt vierköpfige Familie. Mit dem Anbau von Jatropha könnten Landwirte ihr Einkommen deutlich steigern und einen kontinuierlichen und preisstabilen Absatz ihrer Ernten erreichen, meint Thoma. Der selbst hergestellte Kraftstoff kann vermarktet oder selbst genutzt werden. Großgrundbesitzer betrachteten diese Aktivitäten natürlich eher kritisch.

Der Weg durch die Ministerien

Zu Projektbeginn wandte sich Thoma an die philippinische Botschafterin in Berlin, Dalia Domingo Albert, und erhielt kurze Zeit später Termine in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Danach stellte er in den Ministerien für Energie und Landwirtschaft seine für den Rapsanbau entwickelte Technik per Computeranimation vor. „Die Asiaten waren begeistert und unterstützten mich“, so Thoma, und man machte sich gemeinsam an die Feinplanung: „Wir haben in dem asiatischen Land eine Kampagne, www.gotubatuba.com, in Verbindung mit Wissenschaftlern der University San Carlos gestartet.“ Daneben stellten der Berliner Unternehmer und sein Team aus drei philippinischen Mitarbeitern das Konzept der mobilen Bioraffinerie den unterschiedlichen Kooperativen des Landes vor. Ein Büro auf den Philippinen dient bereits als Serviceprovider. Zurzeit stehen zwei Projekte kurz vor dem Vertragsabschluß.
Die Finanzierung wird mit einer philippinischen und deutschen Bank über eine Hermesbürgschaft geprüft, wobei der Kaufvertrag nach Auskunft Thomas unterschriftsreif ist. Der Preis einer mobilen Bioraffinerie liegt bei etwa 890.000 Euro, einschließlich Satellitennavigation. Der Vorteil für die Asiaten: Sie erhalten deutsche Technik und können dezentral, wirtschaftlich und an die Struktur ihres Landes angepaßt Biodiesel produzieren.
Thoma will nach der Inbetriebnahme das Projekt mit seinem Team noch zehn bis zwölf Monate begleiten, um den Erfolg zu garantieren. Gerade daran scheiterten staatlich geförderte Entwicklungshilfeprojekte häufig, sagt Thoma, der bislang nicht bei Ausschreibungen der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) berücksichtigt wurde. Wichtig sei eine gute Planung der Logistik, um die Anlagen gut auszulasten und so global mithalten zu können. Zu Versuchszwecken betreibt Biofueltechnics bereits eigene Jatropha-Farmen, um die vorhandenen Jatropha-Typen auf einen optimalen Ölgehalt prüfen und auslesen zu können.

Auf eigenen Füßen stehen

Das Anlagenkonzept inklusive des Betreibermodells soll komplett an die einheimischen Betreiber übergehen, damit auch der Gewinn vollständig in dem Schwellenland bleibt sowie die Entscheidung über den Verbleib des Öls lokal gefällt wird. Wichtig ist Thoma, daß das Konzept möglichst langfristig und wettbewerbsfähig funktioniert. „Dieses Vorgehen schafft Vertrauen bei unseren Geschäftspartnern in dem Schwellenland“, so der Biodiesel-Experte. „Biofueltechnics versteht sich als Techniklieferant und nicht als Betreibergesellschaft“, beantwortet Thoma die Frage nach seinem Kerngeschäft.

Für die Menschen im Land wird sich Jatropha langfristig lohnen. So meint Uwe Lahl vom Bundesumweltministerium, daß sich oberhalb von 100 US-Dollar pro Barrel beispielsweise das Gewinnen von Bioölen aus der Jathropha-Pflanze rechnen werde. Auch wenn der Erdölpreis derzeit niedriger ist, war er Anfang 2008 schon deutlich höher und wird es auch wieder sein. Doch ob der Jathropha-Anbau für die kleinbäuerlichen Strukturen gut oder schlecht ist, hängt von der Agrarpolitik in den jeweiligen Ländern ab, nicht vom Biokraftstoff selbst. So verfolgt Thoma als weitere Projektziele neben dem geschäftlichen Erfolg Armutsbekämpfung, Klimaschutz sowie Unabhängigkeit des Inselstaates von fossilen Ressourcen. Mit der Umsetzung des Projektes rechnet Thoma im Frühjahr dieses Jahres. „Bei einer Bauzeit von sechs Monaten könnte im Spätsommer die Inbetriebnahme erfolgen“, sagt der findige Unternehmer.

Weitere Einsatzmöglichkeiten sieht Thoma in Schwellenländern wie Mosambik, Tansania, Vietnam und Indonesien. Dabei sind die kulturellen Unterschiede zu berücksichtigen. Auch in Indien und China können die rasch wachsenden Volkswirtschaften ihren Energiehunger kaum befriedigen, so daß es Dieselaggregate zur Stromerzeugung in den Dörfern gibt. Auch hier sieht der Berliner Unternehmer Anwendungsmöglichkeiten für sein Konzept.
„Diese Technik haben wir selbst entwickelt, und sie ist kein Hexenwerk“, meint der Geschäftsmann. Dabei erfolgen die Konstruktion und die Projektierung in Deutschland. Den Anlagenbau will Thoma deutschen und schweizer Subunternehmern übergeben, die bereits Erfahrung mit der Jathropha-Raffination haben. Die Technik ist analog der Biodieselgewinnung aus Ölsaaten wie Raps und schließt auch die Verwendung des Preßkuchens mit ein. Dieser könnte wie bei anderen Ölfrüchten als Viehfutter dienen. Allerdings müssen dazu die Giftstoffe entfernt werden. Daran arbeitet derzeit die Uni Hohenheim in einem Forschungsprojekt.

www.biofueltechnics.com

Thomas Isenburg

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1 / 2010 energie pflanzen erschienen.




Wer immer gut informiert sein will, muß die Zeitschrift energie aus pflanzen lesen.
Kompetente Fachinformationen rund um nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien.

nach oben | Startseite

    © 2018 Forstfachverlag GmbH & Co. KG KONTAKT | AGB | DATENSCHUTZ | IMPRESSUM