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DAS FACHMAGAZIN FÜR BIOENERGIE UND -ÖKONOMIE Mittwoch, 20.06.2018

mischfruchtanbau_saatmaschine_grKraftstoff frei Haus

Mischkulturanbau ist nicht neu, aber ungewohnt und erfordert ein Umdenken. Die technischen Umrüstungen halten sich in Grenzen, der pflanzenbauliche Vorteil ist dafür deutlich. Auch produziert der Acker den Kraftstoff zu seiner Bearbeitung gleich mit.

Draußen unter dem Vordach der Scheune steht die Saatmaschine mit zwei Vorratsbehältern für die Samen und zwei Schlauchsystemen für das Ausbringen der Saat – für jeden Behälter ein System. Drinnen rattert die Siebmaschine, auch hier ist etwas doppelt: Auf einem Sieb sammelt sich Getreide und auf dem anderen Leindotter. Diese Ernte stammt vom gleichen Acker und wuchs zur selben Zeit – im Mischkulturanbau. Im Idealfall sei das eine „eierlegende Wollmilchsau“, meint Markus Pscheidl, einer der Geschäftsführer der Kramerbräu Agro & Food GmbH in Weihern nördlich von München. Ende der 1990er Jahre setzten ihm Thomas Kaiser und der Bioland-Landwirt Tim Brandt „den Floh ins Ohr“, erinnert sich Pscheidl.
„Die Idee wurde vor 20 Jahren geboren“, erzählt Thomas Kaiser, Urgestein in der Branche für Pflanzenölkraftstoffe und einer der Geschäftsführer der Vereinigten Werkstätten für Pflanzenöltechnologie. „Was wäre, wenn wir kein Erdöl mehr hätten? Dann muß der Kraftstoff vom Acker kommen! Aber wie der Konkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung entgehen“, nennt er die damals gestellten Fragen, die nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Auf der Suche nach einer Antwort ließ ihn eine Beobachtung nicht los. In seiner Nachbarschaft gab es einige Felder, auf denen mit schöner Regelmäßigkeit wilder Senf zwischen der Sommergerste gedieh und der den Ertrag auch nicht minderte. Pflanzen derselben Art bräuchten aufgrund ihrer Konkurrenz zueinander einen Mindestabstand, erklärt Kaiser das Phänomen. Doch diese Konkurrenz gelte nicht für andere Pflanzenarten, sie könnten ohne weiteres in den Lücken gedeihen. Und genau das sei das Prinzip der Mischkultur.

mischfruchtanbauerbse_grKaiser und andere Mischkulturbegeisterte kamen durch den bayerischen Arbeitskreis ökologischer Lebensmittelhersteller unter anderem mit der nach ökologischen Kriterien arbeitenden Bäckerei „Hofpfisterei“ in München in Kontakt. Diese wiederum  sprach ihren Lieferanten, den Kramerbräuhof, an. Dessen Geschäftsführer Pscheidl säte daraufhin seine erste Mischkultur.
Zu dem Hof zählen neben Wald und ein wenig Grünland 220 Hektar Ackerland, die nach den Richtlinien des Naturland-Verband bewirtschaftet werden. „Wir sind ein von Grund auf neugieriger Betrieb“, erklärt Pscheidl. „Erst haben wir nur eine Versuchsparzelle von einem halben Hektar Größe in Mischkultur angebaut, inzwischen werden 90 Prozent der Flächen so bewirtschaftet. Das beweist, daß es funktioniert und wirtschaftlich ist“, ist Pscheidl fester denn je vom Mischkulturanbau überzeugt.

Die Vorteile hat er inzwischen zu schätzen gelernt: Da mehr Pflanzen auf dem Quadratmeter Acker stehen, ist die Bodendeckung besser und Unkraut hat kaum noch Chancen, zumal in der ökologischen Landwirtschaft nur die mechanische Unkrautbekämpfung erlaubt ist. Kulturarten mit schlechter Standfestigkeit wie Erbsen können sich an einem stabilen Partner wie Leindotter festhalten, lagern deshalb kaum noch und sind gut zu ernten. Gerade Rankpflanzen wie Erbsen und Linsen mögen zudem keine pralle Sonne, ihr Mischpartner kann sie beschatten. Auch den sogenannten Fahnenblättern von Getreide tut der Schatten vor allem im Juni gut. Die Fahnenblätter sind für einen guten Kornertrag verantwortlich. „Ohne Mischkultur haben wir oft Schäden an diesen Blättern beobachtet“, berichtet Pscheidl aus Erfahrung. Auch sei die Mischung bei Witterungsextremen ein Puffer, denn daß beide Arten ausfallen, sei eher unwahrscheinlich. „So gibt es immer einen vertretbaren Ertrag“, erklärt der Agraringenieur. Im Schnitt der Jahre sei das relativ sicher.

Kompetenz gefordert

Aber auch die Knackpunkte benennt er ganz klar: „Die Kompetenz des Betriebsleiters ist gefragt. Man muß sich ganz anders mit dem Ackerbauthema und dem Pflanzenbau auseinandersetzen, hat mehr Aufwand an Gehirnschmalz!“
Und dann ist da noch die Technik: Aussaat und Ernte müssen allein schon aus wirtschaftlichen Gründen zur selben Zeit erfolgen. Auch darf die früher reifende Frucht nicht auf dem Acker ausfallen, bevor die zweite reif ist. Beides schränkt die Zahl der Kombinationen stark ein. Lein-dotter ist eine der wenigen Arten, deren reife Kapseln noch lange geschlossen bleiben und der deshalb auf dem Kramerbräuhof auch so beliebt ist. Außerdem hat die Ölpflanze sehr kleine Samen, die sich gut vom größeren Getreide und Hülsenfrüchten trennen lassen. So teilen sich um Weihern Winterroggen und Winterleindotter, Erbsen und Leindotter, Winterweizen und Leindotter, Gerste und Linse das Feld. Letztere Kombination hat in Süddeutschland schon eine so lange Tradition, daß sie „Gerschten-Lins“ genannt wird.

Die gemeinsame Aussaat ist das kleinere Problem: Die Technik wird auf der Saatmaschine im Grunde einfach gedoppelt, und jede Art wie gehabt in Reihen gesät. Nur daß die Reihen doppelt so dicht stehen. Das größere Problem ist die Ernte: Effizient ist eine gemeinsame Ernte, doch dann müssen die geernteten Körner im Anschluß einfach voneinander trennbar sein. Trennmerkmale sind Größe, Form, Farbe und Gewicht. Die Technik dafür existiert längst in der Saatgut- und Getreidereinigung: Nach Größe und Form wird über Siebe getrennt, bei der Trennung nach Farbe helfen Fotozellen, wie sie auch zum Aussortieren von Mutterkorn aus Brotgetreide genutzt werden. Aus diesem Sortierzwang heraus entstand dann bald der Lohnbetrieb Kramerbräuhof, der neben der Aufbereitung von Saat- und Erntegut auch eine Ölmühle, Abfüllanlagen und mehr betreibt.

Die Idee mit dem Kraftstoff vom Nahrungsmittel-Acker ist allerdings bisher weniger praktisch und mehr bilanziell umgesetzt, denn das Öl des Leindotters erzielt einerseits gute Preise als Lebensmittel, zum anderen müssen Motoren dafür aufwendig umgerüstet werden. Jedoch wurden die Maschinen auf dem Kramerbräuhof bis vor drei Jahren mit Rapsöl betrieben. Seitdem macht die geänderte Besteuerung die Nutzung unwirtschaftlich.

Im Prinzip könnten aber aus dem Leindotter 100 bis 120 Liter Öl pro Hektar gewonnen werden. „Das reicht, um die Fläche zu bearbeiten“, meint Kaiser. Doch es könnte mehr sein, vermutet er. Die Züchtung sei völlig vernachlässigt worden. Vor allem geeignete Ölpflanzen fehlten, dabei müßten doch schon unter den einheimischen Pflanzen genug Arten zu finden sein. Allerdings dürfe diese Suche nicht privaten Züchtern überlassen werden, „weil sonst die Vielfalt nicht da ist“, so der Pflanzenölpionier.

www.kramerbraeu.de

Dorothee Meier

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5 / 2010 energie pflanzen erschienen.




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