- Anzeige -
- Anzeige -
FORSTFACHVERLAG GMBH & CO. KG · MOORHOFWEG 11 · 27383 SCHEEßEL · info@forstfachverlag.de · www.forstfachverlag.de · ✆ +49 (0) 4263 / 9395-0
energie pflanzen
DAS FACHMAGAZIN FÜR BIOENERGIE UND -ÖKONOMIE Samstag, 23.06.2018

bvp_tagung_feld_grWelche Zukunft hat Pflanzenöl-Kraftstoff?

Als Kraftstoff für Nutzfahrzeuge wäre Pflanzenöl ideal, doch der politische Rahmen verhindert dies weiterhin. Deshalb scheint die tatsächliche Nutzung wieder an den dezentralen Anfängen, verfahrenstechnisch allerdings auf hohem und genormtem Niveau.

„Die Lösung ist da, aber nicht richtig kommuniziert“, faßte Thomas Kaiser, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Pflanzenöle (BVP), die Situation bei der Nutzung von Pflanzenöl als Kraftstoff am Ende der Tagung „Pflanzenöle – nachhaltig und dezentral“ Anfang Mai zusammen. „Die Lösung ist da“ heißt Anbau von Ölpflanzen mit wenig Treibhausgasemission, Bereitstellung von Pflanzenöl nach DIN mit definierten Eigenschaften und angepaßte Motorentechnik, die die gültigen Abgasnormen erfüllt.


Zuvor hatte auch die Mitgliederversammlung des BVP in dem Tagungshaus des Landwirtschaftszentrums Haus Düsse der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen stattgefunden. Eigentlich hätte das zehnjährige Bestehen des Verbandes gefeiert werden können, doch Feierlaune wollte nicht so recht aufkommen. Von Aufgeben war aber genauso wenig etwas zu spüren, eher ein beharrliches „jetzt erst recht“, weiß man sich mit der Nutzung von Pflanzenöl doch auf dem richtigen Weg. Als Massenprodukt wird Pflanzenölkraftstoff nicht gesehen, aber seine hohe Energiedichte prädestiniert ihn für die Mobilität, vor allem die mit hoher Kraftanforderung: landwirtschaftliche Maschinen, Warentransport per Lkw, Schiff und Güterzug mit Diesellok. Über den Sinn einer Nutzung von Pflanzenöl in Blockheizkraftwerken existieren unterschiedliche Meinungen, auch die Tendenz, dies dem Markt zu überlassen.

„Der Reinbiokraftstoffmarkt ist quasi nicht mehr vorhanden“, bestätigte auch Wienke von Schenck von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI). Grund ist weiterhin vor allem die zu hohe Besteuerung. Und auch das Problem, daß sich mit jedem Regierungswechsel die Politik ändert, so Oliver Krischer, Abgeordneter der Grünen im Bundestag und Mitglied im Ausschuß für Klima, Energie und Umwelt. Ihm kam mittlerweile der Verdacht, daß es mit der Gesetzgebung aus dem Jahr 2009  darum gegangen sei, zu beweisen, daß es mit Biokraftstoffen nicht funktioniere. Doch Bernd Kleeschulte von der gleichnamigen Ölmühle entgegnete: „Allein auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schimpfen, befriedigt den Geist, nicht das Betriebsergebnis.“ Er warb für regionales Engagement, technische Effizienz, Flexibilität und motiviertes Personal. Regionale Wertschöpfung durch regionalen Einsatz von Pflanzenöl befürwortet auch Krischer, und damit sozusagen die Rückkehr zu den dezentralen Anfängen. Auf der derzeit üblichen Beimischung von Biokraftstoffen habe die Mineralölwirtschaft die Hand und rückholbar sei das kaum, mußte er nüchtern feststellen. Auf die Frage eines Vereinsmitglieds, ob eine Initiative für Biokraftstoffe in Berlin überhaupt lohnen würde, antwortete Krischer: „Schaden kann es nicht“, vieles sei im Fluß, aber am Handeln mangele es derzeit, und der Koalitionsvertrag werde in diesem Punkt auch nicht umgesetzt.
Einziger Lichtblick scheint die gesetzliche Maßgabe, daß ab dem Jahr 2015 die Biokraftstoff-Beimischung nicht mehr in Prozent bemessen wird, sondern nach ihrer Treibhausgasminderung. Dieses Prinzip gilt bereits jetzt für den Nachhaltigkeitsnachweis von Biokraftstoff. Doch derzeit wird nur ein Treibhausgas-Minderungs-Potential von 35 Prozent vorgeschrieben, ab dem Jahr 2017 sollen es bereits 50 und ab 2018 dann 60 Prozent sein. Biodiesel wird dann wohl aufgrund der zusätzlichen Verarbeitungsschritte zur Veresterung nicht mehr diesen Wert erreichen. Aber auch bei Pflanzenöl ist noch einiges zu tun, doch „es sind auch Lösungen da“, wie Thomas Kaiser feststellte.

Klimaschonender Anbau

Die Ölpflanze in Mitteleuropa schlechthin ist Raps. Doch mit dem Rapsanbau gehen oft mehr als bei anderen Kulturen Lachgasemissionen einher, die aus dem hohem Bedarf dieser Ackerfrucht an Stickstoff resultieren. Der im Boden verbleibende oder mit dem Rapsstroh nach der Ernte wieder hineingelangte Stickstoff kann vor allem bei Nässe durch Bodenorganismen in Lachgas umgewandelt werden, das eine 310-mal stärkere Treibhausgaswirkung als Kohlendioxid hat. Begegnen läßt sich diesem Problem einerseits mit einer sehr exakten Düngung, die jegliche Überschüsse vermeidet, als auch mit Folgekulturen, die noch im kurzen Rest der Vegetationsperiode den überschüssigen Stickstoff aufnehmen und so binden. Am ehesten scheint dies mit Energiepflanzen für Biogasanlagen realisierbar. Zumindest aber müsse der Stickstoff im Boden auf Folgekulturen angerechnet werden, so Holger Huffelmann vom Landwirtschaftszentrum Haus Düsse, das auf seinen Flächen auch Düngeversuche bei Raps durchführt sowie die Stickstoffmenge im Boden mißt. Die übliche Folgekultur für Raps sei aber Winterweizen, so Huffelmann, der jedoch relativ wenig Stickstoffbedarf hat. Zu viel Stickstoff gerate am ehesten mit Wirtschaftsdünger auf die Äcker, nämlich wenn das Güllelager voll sei und dringend geleert werden müsse.
Keinen mineralischen Dünger verwendet die Ökolandwirtschaft, auch nicht für den Rapsanbau. Damit und mit weiteren Ölpflanzen, vor allem im Mischfruchtanbau, experimentiert Hans Marten Paulsen vom Johann Heinrich von Thünen-Institut in der Versuchsstation Trenthorst in Schleswig-Holstein. Seine Ergebnisse sind teils ernüchternd, teils aber auch vielversprechend.

So sind die Erträge von Raps im ökologischen Landbau meist niedrig, starkes Schädlingsaufkommen verringert sie noch weiter. Ein Versuch bestand deshalb im Mischanbau mit sich schneller entwickelnden Winterrübsen, die Rapsschädlinge wie den Rapsglanzkäfer und den Rapsstengelrüssler vom Raps ablenken sollten – gelungen ist es nicht. Damit bleiben laut Paulsen als Gegenmaßnahme nur frühe Rapssorten sowie der Anbau an Standorten mit wenig Schädlingsdruck.
Mischkulturen sind interessant, weil die Partner jeweils unterschiedliche Ressourcen nutzen, beispielsweise unterschiedlich tief wurzeln. Mischkulturen sollen die Erträge stabilisieren, und beim Mischfruchtanbau mit Ölpflanzen kann das Öl als Kraftstoff für die Bewirtschaftung quasi miterzeugt werden, was die Treibhausgasbilanz deutlich verbessert. Auch seien  die Kosten zur Erzeugung von beispielsweise Leindotteröl im Ökolandbau vergleichbar mit denen konventionellen Rap-ses. Die Flächenersparnis mindert zudem die Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Dennoch zeigt sich bei allen Mischkulturen, daß sich die Reinerträge der Partner nicht einfach aufsummieren lassen, der (wirtschaftliche) Gesamtertrag liegt aber durchaus oft über dem jeweiligen Reinertrag. Über die Variation der Saatstärke können zudem teilweise die Ertragsanteile gesteuert werden, wie Paulsen bei der Kombination von Öllein mit Leindotter oder Sommerweizen zeigen konnte.
Bei Mischkulturen mit Raps versprächen bislang Kombinationen mit Winterackerbohnen und Winterroggen am ehesten Erfolg, so der Wissenschaftler – im Gegensatz zu Wintergerste und -weizen. Zu den alternativen Ölpflanzen zählt Leindotter. Kombinationen mit Erbsen und Lupinen führten zu besseren Gesamterträgen als die Kombination mit Sommerweizen. Vor allem stabilisiert Leindotter den Erbsenertrag, da er diese stützt. Der hohe Linolensäure-Anteil macht Leindotteröl zwar als Speiseöl wertvoll, die Nutzung als Biokraftstoff jedoch schwierig.

DIN Normen für Pflanzenöl

Wenn die Ölpflanze geerntet und das Öl gepreßt ist, ist es nicht automatisch motortauglich. Deshalb wurde schon seit dem Jahr 2003 an einer Norm für Rapsölkraftstoff gearbeitet, die ab Herbst vergangenen Jahres zur regulären Norm wurde: DIN 51605 „Kraftstoffe für pflanzenöltaugliche Motoren – Rapsölkraftstoff – Anforderungen und Prüfverfahren“. Gegenüber der Vornorm seien insbesondere Grenzwerte für Phosphor, Magnesium und Kalzium verschärft worden, erklärte Edgar Remmele vom TFZ Straubing. Motorenversuche hatten gezeigt, daß diese Stoffe Ablagerungen an Motorteilen und bei der Abgasnachreinigung verursachen können. Zum Entfernen aus dem Rohöl wurden Zusätze entwickelt, die die drei Substanzen binden und die beim Filtern des Öls zurückbleiben. Auch die Analyse von Spuren dieser drei Stoffe ist inzwischen mit der „optischen Emissionsspektralanalyse mit induktiv gekoppeltem Plasma – ICP OES“ möglich. Darüber hinaus reicht es nun zur Bestimmung des Flammpunktes, mindestens 101 Grad zu erreichen. Das erleichtere vor allem die Analyse, so Remmele. Der Bereich für die Dichte bei 15 Grad wurde enger gefaßt, um Verunreinigungen mit anderen Kraftstoffen besser nachweisen zu können. Für die Jodzahl gibt es nur noch einen Maximalwert. Die Anforderungen für den Asche- und den Koksrückstand wurden gestrichen.

Außerdem stellte der Pflanzenölexperte eine weitere in Arbeit befindliche Norm für Pflanzenöle allgemein vor, die DIN SPEC 51623 „Pflanzenölkraftstoff“. Sie ermöglicht, verschiedene Ölarten zu mischen, beispielsweise Leindotteröl einzumischen, das in reiner Form einen zu hohen Gehalt an Linolensäure hätte. Der Entwurf der DIN wurde bereits veröffentlicht, bis Ende Juli läuft die Einspruchsfrist und im Herbst dieses Jahres soll sie veröffentlicht werden. Nachzulesen ist der Entwurf auf der Internetseite des Deutschen Instituts für Normung (www.din.de). Unterschiede zur Rapsöl-Norm liegen vor allem in einem Grenzwert für Linolensäure und in der „Anforderung Wachsgehalt“, das heißt, das Öl muß nach Abkühlen ohne Trübung sein. Auch auf EU-Ebene wird in einem sogenannten CEN-Workshop weiter an einer EU-weiten Normung gearbeitet. Unabhängig davon wird aber auch weiter nach Abscheideverfahren für Kalzium, Magnesium und Phosphor gesucht.
„Die Abgasstufe TIER IIIb kommt 2012“, verkündete Stefan Innerhofer vom Ingenieurbüro Regineering – Duft & Innerhofer GbR, das vor allem für den Landmaschinen-Hersteller John Deere pflanzenöltaugliche Motoren entwickelte. TIER IIIa habe man durch „innermotorische Maßnahmen“ erreichen können, so Innerhofer, TIER IIIb ließe sich nur mit externer Abgasreinigung erreichen wie bei der Nutzung fossiler Kraftstoffe auch. Damit war dann auch die Frage des Grünen-Abgeordneten Krischer beantwortet, der wissen wollte, ob die gültigen und kommenden Abgasnormen mit Pflanzenöl überhaupt erfüllbar seien.

Den weltweiten Markt für Ölsaaten und Pflanzenöle stellte Wienke von Schenck von der AMI vor. Bemerkbar machen sich in diesem Marktsegment immer mehr Spekulanten, die für zunehmend heftige und unberechenbare Preissprünge an den entsprechenden Handelsbörsen sorgen, was auch Bernd Kleeschulte von der gleichnamigen Ölmühle bestätigte. Interessant war auch die schnelle Verschiebung der Ströme von Öl und Ölsaaten, nachdem aus Kanada kein Rapsöl mehr in die EU-27 eingeführt werden darf, da dort gentechnisch veränderte Sorten angebaut werden.

Bemerkenswert auch der Einfluß Chinas auf den Weltmarkt: Fast immer ist dieses Land der Hauptimporteur, obwohl es gleichzeitig der größte Sojaöl-Produzent ist. Benötigt wird nicht nur das Öl als Lebensmittel, sondern ganz besonders auch der Preßkuchen als Futtermittel für den wachsenden Fleischhunger der asiatischen Großmacht. Weniger überraschend war, daß sich die Zertifizierung der Nachhaltigkeit von Pflanzenöl zur Kraftstoffnutzung auf Importe von Palmöl nach Deutschland nicht auswirkt: Diese Ölart wurde und wird nach wie vor vor allem in der Chemie und als Nahrungsmittel genutzt: zur Herstellung von Waschmitteln und Kosmetika – für die gibt es keinen Nachhaltigkeitsnachweis. Die Zertifizierung von in Deutschland produziertem Pflanzenöl ist dagegen abgeschlossen. Ölmühlen nähmen überhaupt nur noch zertifizierte Ware an, so Schenck.

Papiertiger Zertifizierung

Von ganz praktischen Erfahrungen mit der Umsetzung der Zertifizierung in Deutschland berichtete Annemarie Heinecke: zum Beispiel von „gar nicht selbsterklärenden Selbsterklärungen“, wo Landwirte ihre Adresse und ihren Namen nicht eintrugen, über „NUTS“ (Nummern für Gebietseinheiten in der EU) stolperten oder „Schutzgebiet“ ankreuzten, weil sie das auf Wasser- und nicht Naturschutzgebiet bezogen und damit nicht zertifiziert werden konnten. Doch inzwischen lernten sowohl Zertifizierer als auch Landwirte. Geholfen hat dabei ein Rahmenvertrag, den der Verein Burg Warberg mit dem Zertifizierer RED cert abschloß. Der Verein, für den auch Heinecke arbeitet, ist Fort- und Weiterbildungsstätte für den Landhandel.
Beispielsweise schlugen Vereinsmitarbeiter zur Vereinfachung vor, daß Landwirte ihre EU-Agrarnummer angeben, doch das scheiterte am Datenschutz. Zudem erhielt der Verein einige Hinweise auf eigentlich ausdrücklich ausgeschlossene Doppelkontrollen – wenn ein Landwirt an mehrere Ersterfasser liefert. Verstöße hielten sich dennoch in Grenzen, die meisten waren bürokratischer Art, nur selten war Grünland umgebrochen worden oder ähnliches.
Also eigentlich Erfolgsmeldungen auf allen Ebenen. Warum es dennoch nicht so recht zündet, versuchte BVP-Vorstandsmitglied Thomas Kaiser durchaus selbstkritisch so zu erklären: „Es hängt auch an unserer Schlafmützigkeit und unserem Idealismus.“

www.bv-pflanzenoele.de

Dorothee Meier

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3 / 2011 energie pflanzen erschienen.




Wer immer gut informiert sein will, muß die Zeitschrift energie aus pflanzen lesen.
Kompetente Fachinformationen rund um nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien.

nach oben | Startseite

    © 2018 Forstfachverlag GmbH & Co. KG KONTAKT | AGB | DATENSCHUTZ | IMPRESSUM