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DAS FACHMAGAZIN FÜR BIOENERGIE UND -ÖKONOMIE Samstag, 23.06.2018

Neue Biogasanlagen haben es einfacher und schwieriger zugleich

Die dritte EEG-Novelle wurde noch vor der parlamentarischen Sommerpause verabschiedet. Unter anderem wurde das Boni-System stark verändert.
Basierend auf dem vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) in Auftrag gegebenen und vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) erstellten Erfahrungsbericht zum EEG stand Anfang 2011 die dritte Gesetzesnovelle ins Haus. Der Gesetzgeber hatte dabei drei Ziele im Blick:

• Biogas ist Bestandteil im Gesamtkontext der regenerativen Stromerzeugung.
• Das Vergütungssystem von Strom, der aus Biogas erzeugt wird, ist möglichst transparent zu gestalten.
• Die von der Bevölkerung über die Stromrechnung abzuführende EEG-Umlage sollte verglichen mit dem Vorgängergesetz nicht ansteigen.

Beispiel "Nawaro-Anlage"

Daraufhin wurde im Mai 2011 mit der Veröffentlichung der ausgearbeiteten Referentenentwürfe begonnen. Ihr folgten der Kabinettsbeschluß, die Verabschiedung im Bundestag und schließlich die Beschlußfassung am 8. Juli 2011 im Bundesrat. Die aktualisierte Gesetzesfassung wird am 1. Januar 2012 in Kraft treten.

Altes Boni-System vereinfacht?

Durch die Neufassung des EEG sollten die Regelungen zur Einspeisevergütung durch den Wegfall des komplexen Boni-Systems grundlegend vereinfacht werden. Die bisherigen Aufschläge für den Einsatz von Nawaro, Gülle, Wärmeverwertung durch Kraft-Wärme-Kopplung, neuartiger Techniken (Technologie-Bonus) und Emissionsminderung (Formaldehyd-Bonus) be-stehen in der bisherigen Form für Neuanlagen nicht mehr. Lediglich den Gasaufbereitungs-Bonus gibt es weiterhin. Stattdessen werden einige zuvor über Boni ver-gütete Eigenschaften nun zur Voraussetzung, um die neu fixierte Grundvergütung überhaupt zu erhalten. Andernfalls kommt es zu einer drastischen Verringerung der Stromvergütung auf den Monatsmittelwert am Spotmarkt der Strombörse in Leipzig (EPEX), der normalerweise zwischen fünf und sieben Cent je Kilowattstunde liegt.

BeispielrechnungenHauptunterschiede der EEG-Versionen

Die neue Version des Erneuerbare-Energien-Gesetzes unterscheidet sich maßgeblich von den vorigen Versionen. Bei den früheren Gesetzesnovellen waren immer auch die Alt- beziehungsweise Bestandsanlagen von den Gesetzesänderungen mitbetroffen. Das wird dieses Mal nicht der Fall sein. Bei Inbetriebnahme einer Biogasanlage bis zum 31. Dezember dieses Jahres ist hinsichtlich der Vergütungsansprüche die Version des EEG 2009 das Maß aller Dinge. Für danach in Betrieb gehende Vergärungsanlagen regelt ausschließlich das EEG 2012 die gesetzlichen Einspeisetarife. Dieses bringt eine Vielzahl von Neuerungen mit. In Zukunft gelten Grundvoraussetzungen, um die Grundvergütung in Anspruch nehmen zu können. Diese lauten im Einzelnen:

• Die elektrischen Leistungsklassen
(150 kW, 500 kW, 5.000 kW) wurden im Vergleich zum EEG 2009 beibehalten, die Grundvergütungen aber um durchschnittlich etwa 2,5 Cent pro eingespeister elektrischer Kilowattstunde auf 14,3, 12,3 und 11,0 Cent angehoben. Diese drei Werte beinhalten allerdings schon den früheren KWK-Bonus.
• Mindestwärmenutzung: 25 Prozent im Inbetriebnahme- und Folgejahr, danach  muß 60 Prozent der Stromerzeugung in Kraft-Wärme-Kopplung erfolgen (die Fer-menterheizung zählt fix 25 Prozent) außer es erfolgt der Nachweis über den Einsatz von mindestens 60 Prozent Gülle im Jahresdurchschnitt. Auch die Positivliste der Wärmenutzung weist im Vergleich zum Vorgängergesetz einige Änderungen auf.
• Der Anteil von Mais (Ganzpflanze), Getreidekorn einschließlich Corn-Crop-Mix und Körnermais sowie Lieschkolbenschrot beträgt in jedem Kalenderjahr höchstens 60 Prozent der Masse. Für diesen Nachweis ist das Einsatzstoff-
tagebuch ausreichend. Es wird also kein Umweltgutachter benötigt.
• Sonderregelungen für Bioabfallanlagen: Beim Einsatz von durchschnittlich 90 Prozent der Masse aus Bioabfällen (biologisch abbaubare Abfälle, gemischte Siedlungsabfälle von Hausmüll und getrennt erfaßten Bioabfällen sowie Marktabfällen) beträgt der Vergütungssatz für Anlagen, deren installierte elektrische Leistung bis 500 Kilowatt elektrisch beträgt, 16 Cent je Kilowattstunde, für Anlagen mit höherer Leistung 14 Cent.

Einsatzstoffvergütungsklassen

Zusätzlich zu der Grundvergütung wird je nach Substrateinsatz eine zusätzliche Vergütung gewährt. Hierzu werden Substrate in zwei „Einsatzstoffvergütungsklassen“ eingeteilt, die im Anhang 1 bis 3 der neuen Biomasse-Verordnung geregelt sind. Für die Vergütungsklasse I wird bei Anlagen bis zu einer elektrischen Leistung von 500 Kilowatt ein einsatzstoffbezogener Vergütungsaufschlag von sechs Cent je eingespeister Kilowattstunde Strom, bei der Vergütungsklasse II für alle Anlagen bis zu einer installierten Leistung von 5.000 Kilowatt Aufschläge beim Stromgeld von acht Cent gewährt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß das Mitvergären von Reststoffen aus der Lebensmittelproduktion und -verarbeitung („Vergütungsklasse 0“) zu keinem einsatzstoffbezogenen Vergütungsaufschlag führt und in diesem Fall die Grundvergütung für Bioabfallanlagen zur Anwendung kommt. Je nach Mischung der Substrate kann mit Hilfe der Referenzerträge des jeweiligen Substrats die „Einsatzstoffvergütung“ ermittelt werden. Siehe „Beispiel Nawaro-Anlage.“

Kleinanlagen

Unabhängig von den oben genannten Vergütungen besteht eine neue Vergütungs-klasse für Kleinanlagen bis zu einer installierten elektrischen Leistung von 75 Kilowatt, in denen mindestens 80 Masse-Prozent tierische Exkremente vergoren werden, definiert nach Sonderregelung Gülleanlagen (§ 27b EEG). Hierzu zählen allerdings nicht Kot und Harn von Geflügel. Die Gülle und der Festmist müssen aus dem Standortbetrieb oder aus dessen unmittelbarer Nähe stammen. Für diese Anlagen werden für den eingespeisten Strom pauschal 25 Cent je Kilowattstunde Strom gewährt.

Direktvermarktung

Ein neuer Teil des EEG ist die Regelung zur Direktvermarktung. Der Strom gilt als direktvermarktet, wenn er durch das öffentliche Netz geleitet wird. Setzt man Strom zum Beispiel direkt beim benachbarten Industriebetrieb ab, gelten die nachfolgenden Regelungen nicht. Anlagen über 750 Kilowatt elektrischer Leistung bekommen ab Inbetriebnahme am 1. Januar 2014 keine „normale“ EEG-Vergütung mehr. Diese Anlagen können nur noch die Markt- und Flexibilitätsprämie in Anspruch nehmen. Für diese besteht im Unterschied zur „normalen“ EEG-Vergütung kein Zwang zur 60prozentigen Wärmenutzung oder 60prozentigen Güllenutzung. Der Anlagenbetreiber kann jeweils zum Monatsanfang zwischen den Vermarktungsformen EEG-Umlage und Direktvermarktung wechseln. Es können auch nur Anteile des erzeugten Stroms direkt vermarktet werden, was allerdings nur für die Marktprämie gilt.

Markt- und Flexibilitätsprämie

Die Flexibilitätsprämie wird für die Bereitstellung zusätzlich nutzbarer Leistung gewährt, und stellt keine eigenständige Vermarktungsform dar, da sie nur zur Marktprämie gewährt wird. Gewährt wird sie für die Bereitstellung zusätzlich nutzbarer Leistung. Sie ist für die Dauer von zehn Jahren vom Netzbetreiber zu zahlen. Um sie in Anspruch zu nehmen, muß im Gegensatz zur Marktprämie der gesamte Strom der Anlage direkt vermarktet werden.
Grundlage für die Marktprämie ist die Höhe der Vergütung, die der Anlagenbetreiber aus der „normalen“ EEG-Vergütung erzielt hätte. Hiervon wird der jeweils monatliche Durchschnittsverkaufspreis an der Strombörse EPEX abgezogen. Zu dem Ergebnis werden 0,3 Cent je Kilowattstunde hinzugerechnet. Ab dem Jahr 2013 greift dann jedoch eine jährliche Degression, um die Kosten für Börsenzulassung und mehr auszugleichen.

Neues zum Anlagenbegriff

Für eine nach dem 1. Januar 2012 in Betrieb gehende Biogasanlage mit Satelliten-Bhkw ist ein von der Hauptanlage unabhängiger Vergütungsanspruch wie bisher nicht mehr möglich. Satelliten-Bhkw werden in Zukunft der das Gas erzeugenden Vergärungsanlage hinzugerechnet, was also letztlich zu einer geringeren Vergütung als bisher führen wird. Allerdings wurde im EEG 2009 vergessen, den Anlagenbegriff zu definieren. Derzeit wird (noch) der enge Anlagenbegriff als Basis für die Vergütung angesehen. Zu ihm empfahl die EEG-Clearingstelle Ende 2009, daß ausschließlich Bhkw und Fermenter – also weder Einbringtechnik für  Substrate noch Gärrestlager – die Mindestbestandteile einer Biogasanlage darstellen. Diese Gesetzesbegründung hat zur Folge, daß mehrere Anlagen sich denselben Fermenter „teilen“ können. Sollte der Bundesgerichtshof in einem derzeit noch laufenden Verfahren diese nicht rechtsverbindliche Empfehlung revidieren, könnten Rückforderungen der bereits ausbezahlten Stromvergütung fällig werden.

Diskussion und Ausblick

Erstmals kann man bei einer EEG-Novelle von einer allgemeinen Verschlechterung des Vergütungsanspruchs für aus Biogas erzeugtem Strom sprechen und das bei allgemein steigenden Kosten. Das neue Gesetzeswerk wird aller Voraussicht nach zu einem deutlichen Rückgang des Neubaus von Biogasanlagen vor allem im mittleren Leistungsbereich führen; Herstellerfirmen gehen für 2012 von einem Umsatzrückgang von 50 Prozent aus. Einzig bei kleinen Biogasanlagen, die zum größten Teil mit Gülle und Festmist betrieben werden, kann von einem geringfügigen Anstieg von etwa fünf Prozent des Stromeinspeisetarifs gesprochen werden. Ob dies für einen stärkeren Zubau von Kleinanlagen ausreichen wird, bleibt abzuwarten. Hier hätte die Politik in Zeiten ständig steigender Genehmigungsauflagen, die aufgrund höherer Investitionen kleine Vergärungsanlagen stärker als große treffen, mehr Mut beweisen können.
Ein Beispiel: Eine 75-Kilowatt-Anlage soll zu 81 Prozent mit Rindergülle und Mist von 165 Kühen sowie zu zehn Prozent mit Maissilage und neun Prozent mit Grassilage betrieben werden. Neben den ständig steigenden Kosten, die aus den Genehmigungsauflagen resultieren, muß für eine Einbringmenge von lediglich tausend Tonnen Feststoffen in einen Feststoffdosierer mit Vorhaltebunker investiert werden.

Zusätzlich fällt die Anlage wegen der Nawaro-Nutzung unter die Abdeckpflicht des Gärlrestagers gemäß VDI-Richtlinie 3475, was die Kosten weiter erhöht. Von der Abdeckpflicht befreit sind nur Anlagen, die ausschließlich Gülle inklusive Futterreste einsetzen.
So bleibt zu hoffen, daß in Deutschland das große ungenutzte Potential der vergärbaren tierischen Exkremente nicht weiterhin ungenutzt bleibt. Jetzt liegt es an den Herstellern, hier Produkte zu Preisen anzubieten, die im Normalfall einen wirtschaftlichen Anlagenbetrieb zulassen. Dieser Wert unterliegt einer Einzelfallbetrachtung, dürfte aber bei einer Komplettanlage mit einer installierten elektrischen Leistung von 75 Kilowatt nicht über 380.000 bis 450.000 Euro liegen.
Anlagen, die Landschaftspflegematerial und ligninhaltige Reststoffe, die zu einem höheren Materialverschleiß der Aufbereitungs-, Rühr- und Einbringtechnik führen, mitvergären wollen, müssen sich zukünftig auf eine um mindestens ein Cent geringere Einspeisevergütung einstellen, obwohl die Investitionssumme und die Betriebskosten durch Mitvergärung dieser ökologisch höherwertigen Biomasse steigen werden. Ein wirtschaftlicher Anlagenbetrieb dürfte dann kaum mehr gegeben sein.

Eike Horn, Achim Kaiser, Michael Köttner (FnBB)

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4 / 2011 energie pflanzen erschienen.




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