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DAS FACHMAGAZIN FÜR BIOENERGIE UND -ÖKONOMIE Samstag, 23.06.2018

bga_wittingen_annahme_grAnlage mit Standort-Vorteil

Der Besucher denkt schon, das letzte Grundstück im Gewerbegebiet sei erreicht, da taucht die Biogasanlage doch noch auf der linken Straßenseite auf. So weit weg von Ackerflächen und Höfen? Das wurde bewußt gewählt, denn hier ist man nah an den Wärmeabnehmern.

„Der Standort ist Gold wert“, bringt Geschäftsführer Wilfried Wolter den großen Vorteil der Anlage auf den Punkt. Sie liegt in einem kleinen Gewerbegebiet am Stadtrand von Wittingen (Kreis Gifhorn). Die Abwärme des Blockheizkraftwerkes (Bhkw) mit 500 Kilowatt elektrischer Leistung nehmen fast vollständig eine Schule und im Sommer ein Freibad ab. Das Bad ist nur 450 Meter entfernt, die Schule 900 Meter. Insgesamt wurden 1,8 Kilometer Wärmeleitungen verlegt.

bga_wittingen_bhkw_grZum Konzept der Anlage gehört auch, die Verkehrsbelastung für Anwohner gering zu halten und gleichzeitig eine effiziente Logistik umzusetzen. Deshalb fehlen an der Anlage die Silos für Mais: „Da hätten wir zu Erntezeit immer durch den ganzen Ort fahren müssen“, so Wolter. Die Silos liegen stattdessen nah an den Ackerflächen der beteiligten Höfe in Lüben, so daß bei der Ernte die Wege sehr kurz sind. Zur Biogasanlage beträgt die Entfernung sieben Kilometer; einmal täglich wird eine Ration von 24 Tonnen Maissilage zur Anlage gefahren. „Ein Transport mehr oder weniger – das merkt im Gewerbegebiet ja keiner. Und für uns ist das gut zu planen“, beschreibt Wolter die Vorteile. Auf dem Rückweg wird dann Gärrest mitgenommen, den die Landwirte als Dünger verwenden.

Die Planungen für den Bau der Anlage begannen im Jahr 2005, als der Preis für Braugerste verfiel und man sich nach einer Alternative umsah. Durch die gemeinsame Maschinennutzung kannte der Landwirt Wilfried Wolter seine Kollegen Hans-Joachim Niemann, Hans-Heinrich Wolter (nicht verwandt) und Heinrich Lampe. Planung und Bau der Anlage erledigte die Regio Biogas AG, die aber mittlerweile insolvent ist. Für den Betrieb der Biogasanlage gründete man eine GmbH, deren Geschäftsführung Wilfried Wolter – mittlerweile gemeinsam mit seinem Sohn Jörn – übernommen hat. Die vier Landwirte sind zu annähernd gleichen Teilen an der GmbH beteiligt, als Grundlage wurde die jeweils eingebrachte Maisfläche genommen. Insgesamt setze man auf eine „gesunde Fruchtfolge“, so Wolter: „Rund ein Drittel macht der Mais aus, der Rest verteilt sich auf Getreide, Zuckerrüben und Kartoffeln“.

Bei der Realisierung der Anlage kam es Wolter auf drei Grundsätze an: ein tragfähiges Konzept zur Wärmenutzung, den Einsatz von eigenen Rohstoffen und eine Finanzierung ohne Fremdinvestoren. Die Einhaltung dieser Grundsätze ist gelungen und hat wohl erheblich dazu beigetragen, daß die Biogasanlage für eine finanzielle Stabilisierung der Betriebe sorgte. Die Lübener Landwirte erhalten alle im neuen EEG vorgesehenen Boni; um den erforderlichen 30prozentigen Gülleanteil zu erreichen, der seit diesem Jahr mit einem Bonus vergütet wird, verwenden sie zusätzlich zu ihrer Schweinegülle noch Rindergülle von einem fünf Kilometer entfernten Betrieb. Dieser erhält im Tausch Gärrest für die Düngung seiner Felder.

bga_wittingen_weiterleitung_grFür die technische Leitung ist Joachim Niemann zuständig, Sohn von Hans-Joachim Niemann. Er schrieb seine Masterarbeit über ein Biogas-Thema und bringt so das nötige Fachwissen mit. Nicht nur der Generationenübergang klappt also reibungslos, Wilfried Wolter berichtet auch, daß die Zusammenarbeit für die Biogasanlage sich positiv auf das Miteinander im Dorf auswirkt.
Fermenter und Nachgärer der Anlage haben jeweils 2.000 Kubikmeter Volumen. Seit diesem Juli steht auch ein gasdicht abgedecktes Endlager (3.000 Kubikmeter) bei der Anlage, ein weiteres Endlager befindet sich in Lüben.
Eine Besonderheit der Anlage ist eine Hydrolysestufe, die dem Fermenter vorgeschaltet ist. Der Behälter faßt 400 Kubikmeter und ist mit einem Tauchmotor-  und einem Stabrührwerk ausgestattet. In ihm werden Gras- und Maissilage mit Gülle und Material aus dem Nachgärer angemaischt, um so eine gleichmäßige Qualität des Gärsubstrats sicherzustellen, das in den Fermenter gelangt. Joachim Niemann erläutert: „Der Eigenstromverbrauch der Anlage ist dadurch etwas höher, auf der anderen Seite haben wir aber geringere Rührzeiten in den übrigen Behältern und durch die Eigenerwärmung des Materials in der Hydrolysestufe müssen wir auch im Winter den Anmaischbehälter nicht heizen.“ Außerdem habe man keine Probleme mit Schwimmschichten.
Ein weiterer positiver Effekt ist, daß mögliche Störstoffe nicht in den Fermenter gelangen, da sie sich am Boden des Hydrolysebehälters sammeln, der dann ab und zu gereinigt wird.

Sorgen von Anwohnern offensiv begegnet

Anfangs hatten sich Anwohner besorgt über mögliche Geruchs- und Lärmbelästigungen durch die Biogasanlage geäußert. Mit einer „offensiven und ehrlichen Öffentlichkeitsarbeit“ konnten diese Bedenken aber schnell zerstreut werden, wie Wolter erzählt. Dabei sei ihm auch seine Erfahrung aus der Kommunalpolitik zugute gekommen: „Wir sind zusammen mit interessierten Bürgern zu schon bestehenden Anlagen gefahren und konnten sie so überzeugen.“ Mittlerweile ist der Nutzen der Biogasanlage von allen Seiten anerkannt und die Stadt Wittingen ist froh, das Freibad nachhaltig und umweltfreundlich beheizen zu können.
Für das kommende Jahr ist geplant, die Anlage um 250 Kilowatt zu erweitern. Mögliche Wärmeabnehmer gibt es genug: Großes Interesse hat die Emsland Food GmbH bekundet, die in einem Werk auf der gegenüberliegenden Straßenseite Kartoffeln verarbeitet. Die Erweiterung soll mit einem „Satelliten-Bhkw“ erfolgen, damit die anfallende Wärme optimal beim Verbraucher genutzt werden kann und die auch höhere Vergütung für Anlagen bis 500 Kilowatt nicht verlorengeht.

Johanna Waid

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4 / 2009 energie pflanzen erschienen.





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