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DAS FACHMAGAZIN FÜR BIOENERGIE UND -ÖKONOMIE Samstag, 23.06.2018

Biogasanlage mit KWK-Heizwerk in Mauenheim. Foto: SolarcomplexKonkrete Utopie

Die Solarcomplex AG aus Singen baut und betreibt Anlagen für regenerative Energien. Ihr Ziel ist, in der Bodenseeregion bis zum Jahr 2030 die Energiewende herbeizuführen. Das Unternehmen gehört über 700 meist aus der Region stammenden Aktionären. Der Geschäftserfolg beruht auf einer Mischung aus Visionen und pragmatischer Führung.

Im September feierte die Solarcomplex AG ihr zehnjähriges Bestehen. Mit fünf Millionen Euro Grundkapital, elf Millionen Euro Umsatz und rund zwanzig Mitarbeitern zählt die Aktiengesellschaft noch zur Kategorie der Kleinunternehmen. Doch hinter den Kennzahlen steckt eine Pioniergeschichte auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien: Während der vergangenen zehn Jahre installierte die Solarcomplex unter anderem 13 Megawatt Solarleistung in Form zahlreicher Dachanlagen und vier Freilandsolarparks, baute zwei Biogasanlagen und nahm Holzenergieanlagen mit insgesamt sieben Megawatt thermischer Leistung in Betrieb. Auf ihrem Erfolgskonto verbucht die Gesellschaft außerdem die Wiederherstellung eines stillgelegten Wasserkraftwerks und die Realisierung von vier Bioenergiedörfern, darunter die beiden ersten Baden-Württembergs (zu Mauenheim siehe energie pflanzen 5/2007). Über 60 Millionen Euro investierte das Unternehmen bisher in die Bodenseeregion.

Weitere Projekte sind derzeit in Planung oder im Bau, so auch ein fünftes Bioenergiedorf, weitere Freilandsolarparks und eine erste Windkraftanlage. Mit der Anzahl der Anlagen steigen auch die Gewinne. Diese lagen im Jahr 2009 bei 300.000 Euro nach Steuern. Neben dem Bau und Betrieb von Energieanlagen verwaltet die Solarcomplex, zusammen mit der Naturschutzorganisation „Bodensee-Stiftung“, außerdem die Bioenergie-Region-Bodensee, einem der 25 Gewinner des Wettbewerbes „Bioenergie-Regionen“.

06_10_solarcomplex_solar_grAnfangs mehr Idealismus als Geld

Vor zehn Jahren ging die Solarcomplex mit bescheidenen Mitteln ins Rennen: 37.500 Euro Startkapital – angelegt von fünfzehn Gesellschaftern – standen dem Unternehmen zur Verfügung; außerdem ein dreiköpfiger Aufsichtsrat und zwei Geschäftsführer, die bereit waren, ein Jahr lang ohne Gehalt das Geschäft anzukurbeln. Hervorgegangen war das Unternehmen aus den „Singener Werkstätten“, einem Forum, in dem Debatten, Buchbesprechungen, Exkursionen und mehr zum Thema erneuerbare Energien veranstaltet wurden. „Irgendwann wollten die meisten von uns nicht mehr nur im Konjunktiv daherreden, sondern etwas Konkretes auf die Beine stellen“, erinnert sich Bene Müller, Mitbegründer der Solarcomplex und einer der beiden Geschäftsführer. Im Zuge einer öffentlichen Veranstaltung in Singen mit dem vielversprechenden Namen „Forderung nach der konkreten Utopie“ entstand am 29. September 2000 die Solarcomplex – damals noch als GmbH. Das erklärte Ziel lautete, bis zum Jahr 2030 das westliche Bodenseegebiet vollständig mit regenerativen Energien zu versorgen. Diese „konkrete Utopie“ gefiel auch drei Wissenschaftlern mit internationalem Renommee. Sie unterstützen die Solarcomplex von Beginn an als Mitglieder eines wissenschaftlichen Beirats.

Schrittweise Entwicklung

Gleich zu Beginn empfahl der Beirat der Geschäftsleitung, zumindest für den Landkreis Konstanz eine Potentialstudie zu erstellen. Nur so könne man erkennen, ob und wie die gesteckten Ziele zu erreichen seien. Diese Studie wurde 2002 fertiggestellt und kam zum Ergebnis, daß erstens zur Erreichung der vollständig nachhaltigen Energieversorgung alle regenerativen Quellen benötigt würden, darunter auch die Geothermie, und zweitens dieses Ziel nur durch eine Halbierung bis Drittelung des Energieverbrauchs zu erreichen sei. Inzwischen hat sich zwar herausgestellt, daß mindestens bei der Solar- und Bioenergie die Potentiale deutlich höher liegen als angenommen, aber für die strategische Planung von Solarcomplex erweitert diese Erkenntnis „nur“ die Möglichkeiten, erhöht aber nicht das Tempo der Geschäftsentwicklung.

Denn zum einen gilt es, die Skepsis der Bevölkerung gegenüber erneuerbaren Energien zu überwinden, und zum anderen weiß die Geschäftsleitung von Solarcomplex, wie gefährlich es ist, sich zu verzetteln. Sie bezahlte anfangs mit verschiedenen Projektversuchen Lehrgeld und konzentrierte sich daraufhin bald auf den Betrieb von Solaranlagen. Erst vier Jahre später begann das Unternehmen mit dem Bau von Wärmenetzen und der Realisierung von Bioenergiedörfern. Seit dem Jahr 2009 ist die Windkraft als weiteres Geschäftsfeld hinzugekommen. „Ein Geschäftsfeld muß die kritische Größe erreichen, sonst ist der Aufwand für die Betreuung zu hoch“, erklärt Bene Müller.
Außerdem sei es schwierig, neue Gebiete zu erobern. „Als wir in Mauenheim mit unserem ersten Wärmenetz- und Bioenergiedorf-Projekt bei den Bürgern vorstellig wurden, lautete die erste Frage, ob wir so etwas schon mal gemacht hätten. Das mußten wir natürlich verneinen und das war kein guter Start.“ Dennoch schaffte es Bene Müller, die Mauenheimer zu überzeugen. Beim Bau des Wärmenetzes verkannte aber das mit der Planung betraute Ingenieurbüro die Höhenunterschiede im Ort. Der Fehler wurde zwar entdeckt, bevor es zu Schäden kam, doch die Übergabestationen waren schon eingebaut und mußten ausgetauscht werden. „So etwas passiert uns heute nicht mehr. Dennoch lernen wir mit jedem Projekt dazu“, stellt Mitbegründer Müller fest.

Vorreiter im Projektmanagement

Inzwischen hat die Solarcomplex AG gegenüber traditionellen Energieunternehmen einen entscheidenden Wissensvorsprung beim Management von Erneuerbare-Energien-Projekten. „Wir sind zwar noch nicht ganz erwachsen, aber wir profitieren von Erfahrungen, die beispielsweise die Stadtwerke noch machen müssen“, sagt Müller. Abgesehen davon hat die Solarcomplex ihre Unternehmenskultur von Anfang an auf erneuerbare Energien ausgerichtet. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, denn bei den traditionellen Energieunternehmen herrschen oft noch die Denkmuster der zentralen Energieversorgung vor. Außerdem bestehen dort Interessenkonflikte zwischen der Förderung erneuerbarer Energien und dem Verkauf von Energie aus fossil-atomaren Quellen.

Dennoch findet bei den Versorgungsunternehmen der Bodenseeregion ein Umdenken statt. So planen die Stadtwerke Radolfzell ihr erstes Bioenergiedorf. „Inzwischen sagen die sich: Das, was die Solarcomplex kann, können wir auch“, erzählt Bene Müller. „Das ist auch gut so, denn die Stadtwerke sind wichtige Verbündete, wenn wir die Vollversorgung mit regenerativen Energien in der Bodenseeregion erreichen wollen.“
Vor Trittbrettfahrern, die das Unternehmen langsam aufkaufen und dadurch steuern könnten, schützt sich die Solarcomplex allerdings: Durch eine in der Gesellschaftssatzung aufgenommene Stimmrechtsbegrenzung kann ein einzelner Investor höchstens fünf Prozent der Stimmrechte erwerben, unabhängig von der Anzahl der Aktien. „Die Höhe dieser Beschränkung ist das Ergebnis einer intensiven Diskussion mit den Gesellschaftern. Als wir im Jahr 2007 das Unternehmen zu einer Aktiengesellschaft umwandelten, wollten wir einerseits die Schwelle nicht zu hoch setzen, weil nie alle Aktionäre an den Hauptversammlungen teilnehmen und sich dadurch die Stimmenverhältnisse leicht zu Gunsten eines großen Investors verschieben. Andererseits wollten wir zahlungskräftige Geldgeber nicht verscheuchen, indem wir ihnen zu wenig Stimmrechte gewähren“, erinnert sich Müller. Der derzeit größte Aktionär, die TWS (Technische Werke Schussental) aus Ravensburg, hält übrigens genau fünf Prozent der Aktien und kann damit auch das maximale Stimmrecht ausüben.

Ansonsten befinden sich die Solarcomplex-Aktien im „breiten Streubesitz“ von Unternehmen und Bürgern. Das soll nach dem Wunsch der Geschäftsleitung auch so bleiben.
Die Gründung von Solarcomplex war für die Beteiligten wie ein Aufbruch zu einer Abenteuerreise ins Ungewisse. Rückblickend auf die bisherige Entwicklung des Unternehmens sieht Bene Müller heute aber gute Chancen für die regenerative Energiewende im Bodenseegebiet. Hilfreich dafür seien auch die Preisentwicklung fossil-atomarer Energieträger und der politische Wille, der trotz mancher „Rückschläge“ inzwischen quer durch die Parteienlandschaft zu erkennen sei.

Die Energiewende ist machbar

Um die Energiewende zu meistern, müßte aber die Energieeinsparung weiterhin gefördert und die Energiepotentiale sinnvoll aufeinander abgestimmt werden. Außerdem müsse man sich früher oder später mit Energiespeichersystemen und der Erschließung der Geothermie auseinandersetzen.

Für die Stromgewinnung sei vor allem die Photovoltaik wichtig, weil sie relativ gut zum Tageslastgang passe. Außerdem sei die Energieausbeute auf die Fläche bezogen um ein Vielfaches höher als etwa bei Biomasse. Auch bei der Windkraft gebe es hohe Potentiale, weswegen die Solarcomplex inzwischen auch dieses Geschäftsfeld erschließe. Trotz allem trage die Bioenergie auch in Zukunft entscheidend zur Energieversorgung bei; so zum Beispiel das Biogas zur Grundlastversorgung mit Strom. Allerdings dürfe dabei die Wärmenutzung nicht zu kurz kommen, wie es bei vielen Biogasanlagen derzeit leider der Fall sei. „Angesichts der knappen Biomasseressourcen können wir uns keine Energieverschwendung leisten“, so Müller. Eine der erklärten Prioritäten des Unternehmens ist deshalb, alle Biogasanlagen in den von ihr betreuten Bioenergiedörfern an Wärmenetze anzuschließen.

www.solarcomplex.de

Ferdinand Oberer

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6 / 2010 energie pflanzen erschienen.




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