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DAS FACHMAGAZIN FÜR BIOENERGIE UND -ÖKONOMIE Mittwoch, 20.06.2018

kommune_podium_grPartnerschaften lernen

Insbesondere kommunale Stadtwerke sind für Bioenergie-Partnerschaften prädestiniert. Doch offensichtlich existiert zwischen Land- und Forstwirten auf der einen und Vertretern von Kommunen auf der anderen Seite ein Kommunikationsproblem. Dem sollte mit der Tagung „Bioenergie in Kommunen“ abgeholfen werden.

Biomasse-Heizkraftwerk „Am Lettenholz“ in Bad Tölz: Seit drei Jahren stehen hier regelmäßig Besuchergruppen vor der Tür und saugen Informationen zu Technik,  Betrieb und Fernwärmenetz geradezu in sich auf. Die Teilnehmer der Tagung „Bioenergie in Kommunen“ in Fulda Ende März interessierten sich mehr dafür, wie der Betreiber, die Stadtwerke Bad Tölz, die Versorgung des Heizkraftwerkes mit Holzhackschnitzeln mit den ortsansässigen Waldbesitzern organisiert und wo der Nutzen des Konzepts für die Beteiligten liegt.


Geladen zu der Tagung hatte die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) zusammen mit der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR), dem Deutschen Landkreistag, dem Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB), dem VDMA Power Systems des Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau und dem Verband Kommunaler Unternehmen (VKU). Allein die Länge dieser Liste zeigte, daß es den Veranstaltern darum ging, potentielle Partner aus Land- und Forstwirtschaft mit Kommunen und Stadtwerken zusammenzubringen, damit sie gemeinsam Bioenergie-Partnerschaften auf den Weg bringen. „Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht“, animierte Frank Setzer von der DLG gleich zu Beginn die knapp 200 Teilnehmer aus kommunalen Verwaltungen und Unternehmen, von Energieversorgern, aus der Beratung, der Landwirtschaft, von Verbänden und Netzwerken im Bereich erneuerbarer Energien.
„Es findet keine Kommunikation statt, es fehlt in den Kommunen an Information, es bräuchte Weiterbildung“, beschrieb Hermann Hansen von der FNR den Ist-Zustand. Den Soll-Zustand formulierte Setzer: „Bioenergiepartnerschaften dienen der Diversifizierung des land- und forstwirtschaftlichen Betriebes, sollen allen Partnern Einkommen generieren und setzen Vertrauen und Achtung in den Anderen voraus.“ Doch Partnerschaften müßten gelernt werden, fügte er hinzu, denn offensichtlich lebten Landwirte und Kommunalvertreter noch in verschiedenen Welten, verstehen sich schlichtweg nicht; beispielsweise ist der Vertrag per Handschlag unter Landwirten selbstverständlich, für einen Energieversorger oder eine Kommune aber undenkbar.

Die Tagung in Fulda soll erst der Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen sein, kündigte Setzer an. Parallel stellt sich die FNR im Rahmen des Projektes „NawaRo-Kommunal“ den Kommunen als Anlaufstelle zur Verfügung und erstellt Informationsmaterial. Das entscheidende Stichwort bei allen Aktivitäten lautet aber wohl „Kommune“; eine Kommunalvertreterin erzählte, daß vor allem deshalb die Veranstaltung ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie suchte Anregungen und den Überblick. Ihrem offensichtlich besser versierten Nachbarn dagegen waren die Beiträge „nicht vertiefend genug“.

Regional statt billig

kommune_hkw_toelz_grIn Bad Tölz handelten Politiker und „Macher“ der Kommune bereits mit dem Bau des Biomasse-Heizkraftwerkes „Am Lettenholz“ im Jahr 2008, bis zum Jahr 2035 will man schließlich energieautark sein. Den Nutzen für die Region beschrieb
Michael Hofmann, Geschäftsführer der Stadtwerke Bad Tölz, so: Unabhängigkeit  von Energiekonzernen, Wertschöpfung vor Ort, Schaffung von lokalen Arbeitsplätzen und Nachhaltigkeit durch Nähe. Die Nähe hilft, die Kunden für die Produkte der Stadtwerke zu begeistern. In der Nähe wächst aber auch das Holz als Energieträger. Und „wenn die Kommune vorangeht, gehen die Bürger nach“, so sein Aufruf an die anwesenden Kommunalvertreter, selbst die Initiative zu ergreifen.
Die Bad Tölzer formulierten aber auch einige wichtige Eckpunkte für ihr Vorgehen: So sollte es für Erzeugung und Vertrieb regionale Partnerschaften geben. Deshalb werden die Holzhackschnitzel von einer Arbeitsgemeinschaft geliefert, die sich aus dem örtlichen Waldbesitzerverband, Häcksel- und Einschlagsunternehmen bildete. Die Stadtwerke müssen so nicht mit jedem Holzverkäufer einzeln verhandeln. Der Waldbesitzerverband warb bei seinen Mitgliedern mit dem Argument, daß nicht mehr Rohstoffe, sondern Energie geliefert werde – mit entsprechend höherer Wertschöpfung. Dies sei ein weiterer wichtiger Schritt, auch für qualitativ geringwertiges Holz einen zuverlässigen Absatzmarkt aufzubauen und bessere Holzpreise zu erzielen. Aus Sicht der Stadtwerke wären Holzhackschnitzel anderswo billiger zu bekommen, doch der Preis ist nicht das einzige Kriterium: Je besser die Qualität der Holzhackschnitzel, desto weniger Störungen im Werk, von dem die ortsansässigen Holzlieferanten quasi ihren Strom und teils auch Wärme beziehen. Betriebswirtschaftlich auskömm-lich muß das Projekt dennoch sein.
Weitere Eckpunkte sind, daß die Gewinne der Stadtwerke in neue regenerative Projekte investiert werden – „die Leute wollen sehen, wo ihr Geld bleibt“, so Hofmann. Außerdem soll die wertvolle Bioenergie möglichst effizient, also in Kraft-Wärme-Kopplung, genutzt werden. Am Standort „Am Lettenholz“ kam den Betreibern dabei sicherlich zugute, daß an dem ehemaligen amerikanischen Armee-Stützpunkt bereits ein Wärmenetz existierte. Vorbildlich wurden auch die Landkreisgebäude angeschlossen. Ein benachbartes Industrieunternehmen nimmt inzwischen ebenfalls Wärme ab.

Regionale Wertschöpfung bessert Gemeinde-Kasse auf „Das Geld des Dorfes dem Dorfe“, so die offensive Botschaft von Landrat Bertram Fleck vom Rhein-Hunsrück-Kreis. Allerdings entlehnte Fleck den Slogan einer über hundert Jahre alten Werbung für einen Darlehnskassenverein. Seiner Meinung nach ist die Dimension der Einsparungen und der regionalen Wertschöpfung durch erneuerbare Energien vielen Kommunen überhaupt nicht bekannt. Für ihn kommen Kommunen fast „in die Nähe von Untreuevorwürfen“, wenn sie leichtfertig diese Möglichkeit der Verbesserung der Gemeindefinanzen nicht nutzen. In  seinem Landkreis existieren zwei Nahwärmeverbünde, die in Simmern und Kirchberg Schulzentren mit Wärme versorgen und im Kreis gesammelten Baum- und Strauchschnitt als Brennmaterial nutzen.  Für den Zeitraum von 20 Jahren errechnete Fleck eine Summe von insgesamt 8,1 Millionen Euro, die sonst für den Bezug von fossilen Brennstoffen abgeflossen wären, zugrunde gelegt sind dabei 450.000 Liter Heizöläquivalent pro Jahr mit einem Marktpreis von 0,90 Euro je Liter.  Neben der Umstellung auf erneuerbare Energie wurden aber auch die Gebäude energetisch saniert, so daß ihr Verbrauch sank. Um die Bürger des eher dünn besiedelten Kreises dazu zu bewegen, ihren Baum- und Strauchschnitt zu den 120 Sammelplätzen zu bringen, wurde mit dem Motto „Bürger heizen ihre Schule“ geworben.
Die gesammelte Holzmenge könnte noch deutlich mehr Nahwärmenetze versorgen: Zusammen mit einem dritten, noch in Bau befindlichen Heizwerk in Emmelshausen werden erst etwa 30 Prozent des gesammelten Baum- und Strauchschnittes benötigt – der Brennstoffbedarf der Heizwerke liegt jeweils bei etwa tausend Tonnen im Jahr. Um das trotz Aufbereitung schwierige und teils feuchtere Material nutzen zu können, mußte allerdings angepaßte Technik für die Zerkleinerung, Brennstoffzuführung und Verbrennung beschafft werden. Daß das alles aus dem Mund des Landrates relativ einfach machbar klang, lag wohl auch an dessen recht handfester Art. Andere Akteure verbinden derartige Projekte eher mit Begriffen wie kompliziert, schwierig, mühsam. Hindernisse reichen von der Definition im Gesetz, was Bioabfall ist, bis zu steuerlichen Fragen. Und „man übernimmt auch Verantwortung, da muß man dran denken“, betont auch Landrat Fleck.

Potentiale finden

Um Bad Tölz existiert reichlich Wald als Holzlieferant, im Rhein-Hunsrück-Kreis wird Baum- und Strauchschnitt gesammelt. Aber wie findet eine Kommune ihre Potentiale? Prinzipiell stehen laut Hermann Hansen von der FNR als Quelle für Bioenergie Wald- und Waldrestholz, Energiepflanzen wie Mais und Raps, Baum- und Strauchschnitt, Holz von Kurzumtriebsplantagen, Reststoffe und Abfälle zur Verfügung. Einige dieser Energieträger wie Abfall stehen ihr selbst zur Verfügung, andere muß sie von Landwirten oder Waldbesitzern zukaufen. Doch Bioenergie-Potentiale sind immer begrenzt. Thomas Turk von der Ingenieurgemeinschaft IG Lux riet deshalb zu einer gründlichen und unabhängigen Standortanalyse – auch, um späteren Akzeptanzproblemen und Konkurrenzen vorzubeugen. Noch besser ist es, wenn die Kommune eine eigene Bioenergiestrategie entwickelt. „Man muß im gegebenen Rahmen das Beste machen“, so auch Hofmann von den Stadtwerken Bad Tölz.

Kommunen als Koordinator

„Partnerschaften sind wichtig“, betonte Frank Setzer von der DLG schließlich zum Abschluß der Tagung. Einige Kriterien dafür hatte Setzer zuvor benannt: Die Partner haben ein gemeinsames Ziel, die unternehmerische Freiheit der Land- und Forstwirte muß gewährleistet und das unternehmerische Risiko gleich verteilt sein, die Partner sind bereit, voneinander zu lernen und Vertrauen sowie Verläßlichkeit muß vorhanden sein.
Setzer räumte zwar ein, daß es unter Land- und Forstwirten bestimmte Befindlichkeiten zu beachten gibt, er sieht aber auch eine Entwicklung vom „Ablieferer“ zum „Unternehmer“, zudem machten steigende Preise und eine geringere Abhängigkeit von Subventionen diese selbstbewußter. Auch Neuem gegenüber seien sie immer aufgeschlossener, wenn auch kritisch, so der Fachgebietsleiter Forstwirtschaft und Bioenergie bei der DLG. Das Geschäftsfeld „Bioenergie“ erschließt zudem neue Einkommensquellen. Schließlich ist die Land- und Forstwirtschaft in der jeweils näheren Umgebung der einzige Lieferant von Biomasse.

Ländlichen Kommunen eröffneten Bioenergie-Partnerschaften das Heraustreten aus dem Schatten der Metropolregionen, so Simon Burger vom Deutschen Städte- und Gemeindebund, weil sie nun mehr sind als Landwirtschaft, Erholung und Naturschutz. Vor allem erzielen sie eine höhere Wertschöpfung vor Ort. Was Kommunen besonders als Partner befähigt, beschrieb Burger so: Kommunen können Bioenergie effizient nutzen, weil sie über ihre Stadtwerke eigene Wärmenetze betreiben können, die eine weitgehende Nutzung von Abwärme aus der Stromproduktion ermöglicht. Kommunen sind nah am Bürger, besitzen Ortskenntnis und eine Selbstverwaltung, die es ihnen ermöglicht, als Planungsträger, Genehmigungsbehörde, Anlagenbetreiber und öffentlicher Auftraggeber zu fungieren. Sie seien damit als Koordinator unentbehrlich, so Burger. Außerdem, ergänzte Frank Petzold vom VKU, identifizierten sich Bürger stark mit ihren Stadtwerken. Stadtwerke lieferten etwa die Hälfte der von Endkunden insgesamt verbrauchten Energie, an der Erzeugung seien sie jedoch derzeit nur zu etwa zehn Prozent beteiligt. Doch um den Kommunen mehr Gewicht bei der Energiewende zu verleihen, müssen Rahmenbedingungen sicher sein, betonte nicht nur Petzold. Die Schaffung von Anreizen für Bioenergie-Management in den Kommunen sei jedoch eine gesamtstaatliche Aufgabe, so der Aufruf etlicher Referenten in Richtung Berlin.

Wege der Umsetzung

Wärmenetze für die Auskopplung von Wärme sind für die Wirtschaftlichkeit und Effizienz von Erneuerbare-Energien-Anlagen ein Muß. Nur so können „wir uns der Diskussion stellen“, sagte Petzold mit Blick auf die Diskussionen um Konkurrenzen und Nachhaltigkeit. Die langfristige Abnahme der KWK-Wärme sollte genauso vertraglich abgesichert sein wie die längerfristige Verfügbarkeit der Biomasse. Burger rät zudem Kooperation zu institutionalisieren und Bioenergieprojekte in Klimaschutz- und Energiekonzepte einzubinden. Stößt eine Kommune an ihre Kapazitätsgrenzen, sollte sie mit anderen Kommunen und privaten Partnern kooperieren oder ihre Bürger über Stiftungen, Bürgerbeteiligungen, Genossenschaften und mehr einbinden – vorausgesetzt, das teils immer noch verbreitete „Kirchturmdenken“ wird überwunden. Ein weiterer Vorteil einer Bioenergie-Partnerschaft zwischen Kommune und örtlichen Biomasse-Erzeugern ist die hohe Gewähr für ökologische Standards, denn die Ortsgebundenheit erfordert angepaßte Nutzungskonzepte – mehr als es Nachhaltigkeitszertifikate für Importe können. Nicht zu vergessen ist auch ein gutes Kommunikationskonzept, denn Akzeptanz will frühzeitig eingeworben sein. Möglich wird das durch eine konsequente Öffentlichkeitsbeteiligung, nicht nur durch Information, auch beispielsweise durch die Möglichkeit für Bürger, sich an Anlagen direkt oder indirekt über eine Genossenschaft zu beteiligen. Aufträge können an regionale Wirtschaftsunternehmen und Dienstleister vergeben werden. Anreize wie beispielsweise die kostenlose Abfuhr von Grünschnitt helfen ebenfalls.

www.dlg.org/bioenergiepartnerschaften
www.nawaro-kommunal.de

Dorothee Meier

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3 / 2011 energie pflanzen erschienen.




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