- Anzeige -
- Anzeige -
FORSTFACHVERLAG GMBH & CO. KG · MOORHOFWEG 11 · 27383 SCHEEßEL · info@forstfachverlag.de · www.forstfachverlag.de · ✆ +49 (0) 4263 / 9395-0
energie pflanzen
DAS FACHMAGAZIN FÜR BIOENERGIE UND -ÖKONOMIE Samstag, 23.06.2018

Bioenergiedorf SiebeneichSiebeneich will erstes „gläsernes Bioenergiedorf“ werden

Der Teilort Siebeneich der Gemeinde Bretzfeld im baden-württembergischen Hohenlohekreis produziert gut 75 Prozent seines Wärme- und über das Doppelte seines Strombedarfs selbst. Seit diesem Frühjahr ist Siebeneich offiziell Bioenergiedorf und lädt Interessierte ein, sich Bioenergie in der praktischen Umsetzung vor Ort anzugucken.

Günther Banzhaf, Metzger in Siebeneich, machte den ersten Schritt zur Wärmeversorgung mit einem regionalen Brennstoff: 2007 begann er mit dem Anbau von Miscanthus x giganteus, dem Riesen-Chinaschilf. Mit einem Brennwert von 4,5 Kilowattstunden pro Kilogramm ist es fast so ergiebig wie Holz: Gut zwei Kilogramm Trockenmasse Miscanthus ersetzen einen Liter leichtes Heizöl. Banzhaf erntet inzwischen auf einer Fläche von 1,8 Hektar etwa 250 Kubikmeter Biomasse jährlich. Diese Menge reicht, um seine Geschäfts- und Wohnräume sowie ein Senioren-Wohnhaus und drei Ferienwohnungen – insgesamt 700 Quadratmeter – zu beheizen.

4_2011_siebeneich_m_grMiscanthus hat einen erhöhten Wasserbedarf und gedeiht daher in niederen Lagen besser. Die günstige Lage Siebeneichs auf deutlich unter 300 Meter nutzte auch Fleischermeister Siegfried Huber, der 2008 nachzog. Innerhalb von drei Jahren baute er auf sieben Hektar etwa 70.000 Chinaschilfpflanzen an. Seinen bisherigen Bedarf von 40.000 Liter Heizöl pro Jahr kann Huber nun vollständig durch die Verbrennung von Miscanthus decken. Hierzu nutzt er einen Hackgut-Heizkessel mit 120 Kilowatt Leistung des österreichischen Herstellers Hargassner. Da Häckselgut aus Miscanthus nur ungefähr 30 Prozent der Dichte von Holzhackschnitzeln aufweist, braucht es gut dreimal soviel Lagerraum. Die Ackerflächen von Huber und auch seine Lagerhalle, in die rund tausend Kubikmeter passen, sind ausgelastet; mittlerweile haben sich die Investitionen von insgesamt rund 50.000 Euro mehr als gelohnt, meint er: Bei einem derzeitigen Heizölpreis von rund 80 Cent je Liter spart er jedes Jahr rund 30.000 Euro. „Ich würde es jederzeit noch einmal machen“, zeigt Huber sich überzeugt.

Anstoß vor zwei Jahren

Den Anstoß, ganz Siebeneich mit Bioenergie zu versorgen, gab eine Veranstaltung der Landesinitiative „Gläserne Produktion“ im August 2009: Etwa 20.000 Besucher kamen, um sich vor Ort die landwirtschaftliche Produktion und die Herstellung von Lebensmitteln anzusehen. Mit von der Partie war auch der Verband Bioenergie-Region Hohenlohe-Odenwald-Tauber GmbH (H-O-T). Gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, strebt H-O-T die Schaffung einer Null-Emissions-Region in den Landkreisen Hohenlohe, Main-Tauber und Neckar-Odenwald an. Der Verband warb im Dezember 2009 bei der Dorfgemeinschaft für den Ausbau des Ortes zum Bioenergiedorf, um eine dezentrale Energieversorgung auf Basis erneuerbarer Energien aufzubauen. Die Bürgerversammlung von Siebeneich stimmte diesem Vorschlag im Februar 2010 zu. Schon zuvor hatte Kreisrat Rolf Weibler, der in Siebeneich einen landwirtschaftlichen Hof bewirtschaftet, die Bioenergienutzung weiter ausgebaut: Seit 2009 betreibt er einen Hackgutkessel mit 130 Kilowatt Leistung der Firma ETA Heiztechnik. Die nötigen Hackschnitzel lagert Weibler in Fahrsilos, zudem installierte er auf seinem Hof ein kleines Nahwärmenetz. Dieses wird sukzessive ausgebaut, nachdem der unmittelbare Nachbar das halb im Spaß unterbreitete Angebot „Dich könnten wir als Nächsten anschließen“ annahm und noch weitere Haushalte folgten. So wurden mittlerweile 1.500 Meter Wärmeleitungen verlegt – die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) förderte das mit 84 Euro pro Meter. Diesem Tilgungszuschuß von rund 42.000 Euro stehen Rolf Weiblers Investitionsko- sten von etwa 150.000 Euro gegenüber. Die Übergabestationen der einzelnen Haushalte förderte die KfW mit jeweils 1.800 Euro. Für Spitzenbedarfszeiten und den Ausfall der Hackschnitzelheizung hält Weibler einen Gas- und einen kleinen Ölofen vor.

Biogasanlage deckt Strombedarf mehrfach

Der Fermenter der Biogasanlage faßt 1.500 Kubikmeter. / Foto: SchusterDa der umtriebige Landwirt Weibler auch Viehwirtschaft mit 400 Rindern betreibt, bot sich der Bau einer Biogasanlage an; und zwar direkt neben seinem Stall, außerhalb des Ortskerns auf einer Anhöhe. Im Dezember 2010 ging die Anlage der Firma Novatech mit 190 Kilowatt elektrischer Leistung ans Netz: In diesem Jahr wird sie mit voraussichtlich 1,2 bis 1,5 Gigawattstunden den Löwenanteil der Siebeneicher Stromproduktion liefern. 19 Aufdach-Solaranlagen mit einem jährlichen Stromertrag von 0,35 bis 0,4 Gigawattstunden bilden das zweite Standbein. Insgesamt ergibt das ungefähr das 2,6fache des Siebeneicher Strombedarfs, der bei 0,68 Gigawattstunden pro Jahr liegt.

Die Biogasanlage wird täglich mit acht Kubikmetern Rindergülle und rund sieben Tonnen Maissilage gefüttert. Den Mais kauft Weibler von rund 50 Hektar aus der näheren Umgebung zu. Die Maissilage von 40 Hektar eigenen Feldern nutzt er als Futter für seine Rinder.

Auf einem Computermonitor hat Rolf Weibler wichtige Parameter des Gärprozesses und den Betrieb des Bhkw der Firma AVS mit einer speziellen Software im Blick. Da der Gasmotor vor allem durch einen zu hohen Gehalt an Schwefelwasserstoff im Biogas Schaden nehmen kann, erscheint eine Warnung auf dem Bildschirm, wenn der Wert von 400 Parts per Million (ppm) überschritten wird. In diesem Ausnahmefall bringt Weibler über den Feststoffdosierer Eisenoxid ein, das den Schwefelwasserstoff unter Bildung von Eisensulfid oxidiert. Im Normalbetrieb erfolgt die Entschwefelung durch Luftzufuhr. Weitere Meßdaten sind etwa die tägliche Stromproduktion und die aktuelle Gaszusammensetzung, die im Wesentlichen bei rund 50 Prozent Methan und 40 Prozent Kohlendioxid liegt. Die Mindesttemperatur im Fermenter beträgt 41 Grad, wird die Höchsttemperatur von 45 Grad überschritten, schaltet die Heizung automatisch ab.

Boni für den Strom, die Wärme fürs Dorf

In die Biogasanlage investierte Weibler rund eine Million Euro. Den produzierten Strom speist er ins öffentliche Netz ein und erhält dafür die EEG- Grundvergütung und zusätzlich drei Boni: den Nawaro-Bonus von sieben Cent pro Kilowattstunde, den Güllebonus von vier Cent für mindestens 30 Prozent Gülleanteil im zugeführten Substrat und auch drei Cent KWK-Bonus, da Weibler die Abwärme des Bhkw-Motors ins Nahwärmenetz einspeist. Die strengen Auflagen für den Erhalt des Nawaro-Bonus führen dazu, daß Weibler selbst kostenlos gelieferte Bioabfälle ablehnen muß; hier wünscht er sich gesetzliche Änderungen. Mit diesem garantierten Erlös für den Strom, rechnet Weibler, sollte sich die Anlage in sechs bis acht Jahren amortisieren.

An das Nahwärmenetz sind 25 Haushalte angeschlossen, in der Regel reicht die Abwärme der Biogasanlage für deren Winterbedarf aus. Für den Spitzenbedarf oder Ausfall- und Wartungszeiten dient dann der Hackschnitzelkessel. Den Kunden des Nahwärmenetzes berechnet Weibler im Winter 5,5 Cent je Kilowattstunde. Im Sommer stellt er ihnen bisher die Wärme kostenlos zur Verfügung. Aber es gibt schon andere Pläne: „Eventuell können wir ein nahes Freibad beheizen oder ein benachbarter Betrieb nutzt die Wärme, um Absorptionskältemaschinen zu betreiben“, erzählt Weibler.

Pluspunkt für Tourismus

Ein großes Ziel haben die Siebeneicher noch: Eine Windkraftanlage soll das Portfolio erneuerbarer Energieträger in dem Bretzfelder Teilort komplettieren und als Wahrzeichen dienen. Für dieses ehrgeizige Projekt erhofft man sich Unterstützung von der neuen grün-roten Landesregierung.

Mit den Besuchen des Südwestdeutschen Rundfunks und der CDU-Landtagsfraktion im September 2010 rückte Siebeneich zunehmend in den Fokus des öffentlichen Interesses. Die Gemeinde Bretzfeld mit ihrem Bürgermeister Thomas Föhl erkannte die Chance für  den örtlichen Tourismus und handelte: Der Gemeinderat stellte für Hinweisschilder und andere infrastrukturelle Maßnahmen rund 32.000 Euro zur Verfügung, um den bereits vorhandenen Tagestourismus weiter zu fördern. Zudem bewarb sich die Gemeinde um Mittel aus dem Förderprogramm LEADER der Europäischen Union, das Netzwerke und Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft fördern soll. Benannt nach dem antiken römischen Grenzwall ist die LEADER-Aktionsgruppe „Limesregion“ im Norden Baden-Württembergs für die Umsetzung und Förderung eines regionalen Entwicklungskonzeptes mit vier Handlungsfeldern zuständig: Dorfattraktivität und Stärkung der Wirtschaft, Landschaftstourismus und Naherholung, verstärkte Nutzung regionaler Ressourcen sowie Erhalt und Weiterentwicklung der Kulturlandschaft. Voraussichtlich im Herbst werden Fördergelder in Höhe von rund 30.000 Euro freigegeben. Zum Jahresende hin möchte die Gemeinde Bretzfeld in Siebeneich einen rund zweieinhalb Kilometer langen Naturlehrpfad einrichten, „Energieführer“ für ihren Einsatz schulen sowie Flyer und eine Webpräsenz realisieren. Hinzu kommen der Ausbau des bestehenden Energiepflanzen-Schaugartens und die Begleitung durch die Hochschule Heilbronn, die im Fachbereich Tourismusmanagement das Konzept für Siebeneichs Bioenergie-Tourismus mitentwickelt hat.

Nach den guten Erfahrungen mit der "Gläsernen Produktion“ zwei Jahre zuvor ist es nun an der Reihe, das erste gläserne Bioenergiedorf Deutschlands zu entwickeln: Tagesgäste, Fachbesucher, Schulklassen und andere Interessierte sollen sich in Siebeneich ein eigenes Bild davon machen können, wie die Abkehr von der Atomenergie und fossilen Energieträgern vorbildlich umgesetzt werden kann. Die nötige Infrastruktur wird gerade aufgebaut, die Energieführer sollen Ansprechpartner für Führungen durch den Ort werden.

Ende August findet die offizielle Einweihungsfeier des Bioenergiedorfs Siebeneich für geladene Gäste statt. Am 3. und 4. September folgt ein Tag der offenen Tür, zu dem Besucher herzlich willkommen sind.

www.bioenergiedorf-siebeneich.de

Wer an einer Führung durch Siebeneich interessiert ist, kann sich an das Regionalbüro Hohenlohekreis der „Bioenergieregion Hohenlohe-Odenwald-Tauber GmbH“ wenden:

Telefon: 07940/18-625
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

www.bioenergie-hot.de

Jürgen Schuster

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4 / 2011 energie pflanzen erschienen.




Wer immer gut informiert sein will, muß die Zeitschrift energie aus pflanzen lesen.
Kompetente Fachinformationen rund um nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien.

nach oben | Startseite

    © 2018 Forstfachverlag GmbH & Co. KG KONTAKT | AGB | DATENSCHUTZ | IMPRESSUM